Der Bauch Thailands

2. September 2008, 17:00
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Poster kosten: Norbert G. Schmidt über Bangkoks fette Maden, tolle Suppen, und wie man verhindert, dass Fleisch dort nach Werthers Echte oder Jägermeister schmeckt

Bangkok hat geschätzte zwölf Millionen Einwohner. Fünf Millionen davon müssen Köche sein. Der Eindruck drängt sich auf, wenn man die Straßen entlang schlendert.

Eine Garküche reiht sich an die andere, an jeder dritten Ecke hat sich ein ganzer Jahrmarkt dieser Gulaschkanonen Thai-Style etabliert. Temporär und transportabel sind sie alle, oft bestehen sie nur aus einem Fahrrad. Am Gepäckträger ist der Holzkohlengrill montiert, am Lenker der Schaukasten, dazwischen baumeln die diversen Utensilien.

Käfer, Heuschrecken, aber die Suppen!

Jeder hat sich auf etwas Bestimmtes spezialisiert. Hühnerspiesschen, Garnelenspiesschen, kleine Sepien, ganze Fische, Früchte, Maiskolben und, ja, gebratene Gelbrandkäfer, Stabheuschrecken und fette Maden. Kostet pro Portion 60 Eurocents.

Und dann die Suppen! Man wählt die Art der Nudeln, Gemüse obligatorisch, dazu Tintenfisch, Shrimp, Huhn, Bällchen aus Fisch oder Hühnerfleisch, Pilze. Die Auswahl wird in dem natürlich fahrbaren Kessel kurz erhitzt- und wandert in ein Plastiksackerl wenn man nicht rechtzeitig Protest erhebt. Kostenpunkt: 80 Cent

Bisweilen baumeln gebratene Enten am Haken oder ein ganzer Spanferkelrücken ist auf einem Bananblatt ausgelegt. Ich fordere so ein unwiderstehliches Exponat. Flugs ist eine herrliche Scheibe mit Kruspel abgeschnitten, ehe man sich's versieht in Würfel zerlegt, verschwindet im Plastiksäckchen, und - höchste Konzentration-sofort protestieren. Sonst landet ein Klacks saurer, scharfer, meist schlimm-süsser Sosse oder ein Mix von allem auf den bislang köstlichen Stücken!

Penetrant mariniert, blitzschnell ertränkt

Die Stärke der Thaiküche sind eindeutig Gemüse und Suppen in ihren zahlreichen Variationen. Mit Fleisch haben sie mich nicht sonderlich beeindruckt, denn es ist üblicherweise ziemlich penetrant mariniert ("Red Meat"), und wenn nicht, dann blitzschnell in einer Sosse ertränkt.

Juristisch kommt dies dem Tatbestand der Vergewaltigung nahe. Man kennt das auch von den indonesischen Satespiessen mit Erdnusssosse. Dies ist nicht akzeptabel wenn man der Meinung ist, ein Stück Fleisch soll nach Schwein, Huhn oder Ente schmecken und nicht nach Werthers Echte, Nutella oder einem Schluck Jägermeister.

Trotzdem, das Niveau der thailändischen Volksküche ist enorm, der kulinarische Grundwasserspiegel sozusagen steht sehr hoch. Das Preis-Leistungsverhältnis sucht seinesgleichen auf der Welt.

Das Ambiente ist wie überall in Asien eine Sache für sich. Oft ist das Mobiliar gar keines, bei den typischen Suppenküchen besteht es aus Plastikhocker und Campingtisch, bei den Fresszeilen in den Shopping Centern darf's dann schon Plastikstuhl mit Lehne sein.

Auf die Straße!

Ebenfalls asientypisch konzentrieren sich die gehobenen Restaurants auf Einkaufszentren und Hotels. Die zumindest sichtbare Hygiene ist dort blütenweiss und fleckenlos, aber gemütlich in unserem Sinne ist es kaum wo. Beton, Peking-Barock, Thai-Kitsch an der Wand. Interessanterweise hebt sich mit Präsentation und Preis das kulinarische Niveau nicht wirklich.

Warum? Wahrscheinlich weil die perfekte Einfachheit der Strassenküche schwer zu toppen ist.
Und wer mit dem normalen Taxi nach Taxometer auf die kulinarsche Entdeckungsreise geht, zahlt nur halb soviel wie mit dem touristen-obligatorischen Tuktuk. (Norbert G. Schmidt)

  • In Bangkok reiht sich eine Garküche an die nächste
    foto: norbert schmidt

    In Bangkok reiht sich eine Garküche an die nächste

  • Jeder hat sich auf etwas Bestimmtes spezialisiert: Hühnerspießchen...
    foto: norbert schmidt

    Jeder hat sich auf etwas Bestimmtes spezialisiert: Hühnerspießchen...

  • ...kleine Sepien...
    foto: norbert schmidt

    ...kleine Sepien...

  • ... oder Stabheuschrecken.
    foto: norbert schmidt

    ... oder Stabheuschrecken.

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