Nachgefragt: Peter Westenthaler (BZÖ)

1. September 2008, 11:24
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Sportsprecher für ein neues Fußballstadion in Wien und mehr Breitensport im ORF

Standard: Befürworten sie eine Zusammenlegung der drei Dachverbände ASKÖ, SPORTUNION, ASVÖ?

Westenthaler: Eine Zusammenlegung der drei Dachverbände würde eine grundsätzliche Verbesserung der Strukturen des organisierten Sports mit sich bringen, da damit Mehrfachgleisigkeiten in der Sportförderung, das parteipolitisch motivierte Vergabeprinzip, die Proporzbeset-zung der BSO (roter Präsident - schwarzer General oder umgekehrt) und die Verringerung des Seilschaftsdenken erreicht werden könnte. Darüber hinaus sollte auch die Einbeziehung des ÖOC  überlegt werden, da auch in diesem Fall die Erhaltung von zusätzlichen Strukturen nicht einzusehen ist, zumal diese aus den selben Geldquellen finanziert werden.

Standard: Befürworten sie eine Konzentration der Fördermittel auf medaillenträchtige olympische Disziplinen?

Westenthaler: Im Falle der Spitzensportförderung ist die Konzentration auf einige wenige erfolgsträchtige Disziplinen sinnvoll.

Standard: Ist es sinnvoll, die Sporterziehung auf Sieg und Leistungsoptimierung zuzuschneidern?

Westenthaler: Sporterziehung alleinig auf die genannten beiden Faktoren auszurichten wäre sicherlich verfehlt. Vielmehr muss gerade in der Sporterziehung eine breite Basis geschaffen werden, damit möglichst viele Menschen Zugang zu Bewegung und Sport erhalten. Nur eine derartige Vorgehensweise ermöglicht auch das Erkennen einer ausreichenden Anzahl von Talenten, die dann an den Leistungssport hergeführt werden können. Darüber hinaus findet der Sport seine Aufgaben nicht nur im Leistungsbereich, sondern auch in seiner Bedeutung für die Volksgesundheit und damit als eine entscheidende ökonomische Größe in der Finanzierbarkeit des österreichischen Gesundheitssystems.

Standard: Befürworten sie eine Neuverteilung der Fördermittel, da der Fußball derzeit zu viel aus den Lotto-Mitteln erhält?

Westenthaler: Einer Neuverteilung der Fördermittel müsste eine sorgfältige Bedarfserhebung innerhalb des organisierten Sports vorausgehen, um so den tatsächlichen Bedarf zur Erhaltung notwendiger und zukunftsträchtiger Strukturen ermitteln zu können. Die Frage nach der Reduktion von Fördermittel - egal für welchen Verband - muss auf Grundlage gesicherter Daten gestellt werden. Zeigen diese Daten dann Optimierungsbedarf auf, so soll dieser ungeachtet der Verbandsgröße bedient werden. Jetzt dem Fußball, der sich in einer spürbaren Aufwärtsbewegung befindet Gelder zu streichen wäre jedoch das falsche Signal.

Standard: Befürworten sie ein Berufsbild Sportler und eine Lehrlingsausbildung Sport, ähnlich der in England?

Westenthaler: Zur Lehrlingsausbildung im Sport hat es bereits mehrere Anläufe gegeben. Ein eigenes auf österreichische Verhältnisse angepasstes Modell wäre wünschenswert. Das Berufsbild Sportler mit der Ausformung eines methodisch organisierten Umfelds  ist in Hinblick auf sein Arbeitsplatz schaffendes Potential durchaus wünschenswert.

Standard: Befürworten sie die tägliche Turnstunde? Oder zumindest die Vermehrung der schulischen Bewegungseinheiten, im berufsbildenden Zweig findet ja bis heute null Bewegungsunterricht statt?

Westenthaler: Grundsätzlich wollen wir für alle Schulzweige und Schulstufen die so genannte tägliche Bewegungseinheit, die innerhalb der Schulautonomie auch bereits jetzt ohne weiteres umsetzbar wäre. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass hier Defizite zu Tage treten, die nur durch klare Festschreibung im Stundenplan behoben werden können.

Standard: Befürworten sie eine stärkere Kontrolle des (autonomen) Sports durch die Politik?

Westenthaler: Die Kontrolle des autonomen Sports soll, wie bereits praktiziert, auf der Ab- und Verrechungsebene von öffentlichen Geldern über die dafür vorgesehen staatlichen Stellen erfolgen. Eine Kontrolle im Sinne von parteipolitischer Einflussnahme, wie es leider zurzeit durchaus statt findet, ist strikt abzulehnen. Vielmehr sollte die im gesellschaftspolitischen Konsens noch zu erweiternde Ausrichtung und Bedeutung des organisierten Sports verstärkt Eingang in die Förderrichtlinien finden, um damit die zweckgemäße Verwendung von Fördermittel zu optimieren. Darüber hinaus wäre ein Modell zur degressiven Förderung zu überlegen, um den autonomen Sport auch in finanzieller Hinsicht mittelfristig zu mehr Eigenständigkeit und Nachhaltigkeit zu führen.

Standard: Ist die Anzahl der Medaillen und allgemein das Abschneiden bei Olympia ein aussagekräftiger Wert für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Sports?

Westenthaler: Für das eigentliche Potential des österreichischen Sport sicherlich nicht, aber das Abschneiden bei Olympia kann durchaus als Parameter für die bestimmenden Strukturen bzw. für die Qualität der Funktionäre im österreichischen Sport herangezogen werden. Vergleiche über mehrere Jahrzehnte hinweg zeigen deutlich, dass österreichische Sport-lerInnen immer dann erfolgreich sind, wenn die ideale Kombination talentierter SportlerInn, engagierter TrainerIn und optimales Umfeld vorhanden ist. Leider ist dies im österreichischen Sport mehr auf glückliche Zufälle, denn auf methodisches Vorgehen zurückzuführen.

Standard: In Österreich fehlen, vor allem in Wien, Sportstätten, überwiegend Hallen. Was würden sie dagegen unternehmen?

Westenthaler: Grundsätzlich wäre die Raumplanung zu überdenken bzw. bei Neubauten eine Verpflichtung zur Schaffung von Bewegungsräumen vorzusehen. Darüber hinaus könnte die Gemeinde Wien einen Teil ihres gewaltigen Wohnbauetats zur bewegungsgerechten Sanierung von Altbauten verwenden bzw. eine derartige Sanierung entsprechend fördern, wie sie es im Bereich des Klimaschutzes bereits tut. Des Weiteren wären Kooperationen mit Krankenkassen und Sportvereinen Ziel führend, um vorhandenen Raum im Sinne von Prävention durch Bewegung entsprechend effizient zu nutzen. Wien braucht dringend ein modernes großes Fußballstadion weil das Ernst-Happel-Stadion immer mehr zum Denkmal wird.

Standard: Warum wird der Sport nicht stärker propagiert - als Prävention, als Sparmaßnahme in der Krankenversicherung?

Westenthaler: Ich darf auf die vom ehemaligen Sportstaatssekretär Karl Schweitzer ins Leben gerufene Initiative „Fit für Österreich" verweisen, die Prävention durch Bewegung und Sport in den Vordergrund stellt. Trotz des respektablen Erfolgs dieser Initiative, bedarf es sicherlich weiterer Kooperationen zwischen Sportvereinen, Krankversicherungen und Ärzteschaft, um ein entsprechendes Bewusstsein für die Kosten sparende Relevanz des Sports zu schaffen.

Standard: Befürworten sie die Kriminalisierung und strafrechtliche Verfolgung von Doping-Sündern und deren Helfern?

Westenthaler: Die Frage des Dopings darf nicht nur im Rahmen strafrechtlicher Überlegungen abgehandelt werden, sondern muss auch Thema einer tief greifenden gesellschaftspolitischen Diskussion zu bestimmten Wertehaltungen werden. So lange die Medien über die vor ei-nigen Jahren noch physiologisch als unmöglich angesehene dramatisch deutliche Überwindung bestimmter Leistungsgrenzen nur am Rande mit Doping in Zusammenhang bringen, wird es eine solche Diskussion nicht geben. Die Kriminalisierung einzelner, willkürlich herausgepickter "Sündeböcke" wird das Dopingproblem nicht zum Verschwinden bringen.

Standard:  Sollen im ORF mehr Randsportarten berücksichtigt werden? Und weniger Fußball und Ski, oder mehr davon? Ist im ORF zu viel/zuwenig Sport im Programm?

Westenthaler: Im ORF wird insofern zu wenig Sportprogramm geboten, so weit es sich nicht auf den Leistungssport bezieht. Dem Breiten- und Gesundheitssport wird nur ein verschwindend geringer Anteil am Sportprogramm zugestanden. Statt als staatliches Fernsehen den Bildungsauftrag in Richtung mehr Bewegung für die gesamte Bevölkerung zu interpretieren, erzieht der ORF seine Zuseher mittels Sendungen, die alleine auf spektakuläre und somit Quoten steigernden Effekte ausgerichtet sind, zu passiven Sportkonsumenten.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Medien (Zeitungen, ORF) und Sportverbänden und -vereinen?

Westenthaler: Die kommerzielle Zusammenarbeit von Sportverbänden/Sportvereinen und Medien hat zwei Seiten. Einerseits dienen die daraus lukrierten Gelder der Selbständigkeit bzw. Unabhängigkeit von der öffentlichen Hand, zum anderen besteht natürlich die Gefahr der Monopolisierung und Reduktion auf den kommerziell relevanten Teil des Sportgeschehens. Wie bei allen Unternehmungen in den gesellschaftspolitisch übergreifenden Bereichen ist die Haltung der handelnden Personen von besonderer Bedeutung.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Glücksspielmonopol und Sport, siehe Stickler, tipp3-Liga?

Westenthaler: Die grundsätzliche Überlegung aus dem Sportwettenbetrieb Mittel für den organisierten Sport zu lukrieren, ist logisch und richtig, aber die historisch gewachsene Finanzierung des organisierten Sports bedarf einer eingehenden Evaluierung und Neuausrichtung, wie sie aber noch nicht erschöpfend genug erfolgt ist.

Standard: Sollte Sportsponsoring steuerbefreit sein?

Westenthaler: Im Sinne einer degressiven öffentlichen Sportförderung bei gleichzeitig ansteigendem Volumen der Eigenfinanzierung von Sportverbänden/Vereinen kann eine solche Maßnahme nur begrüßt werden.

Standard: Umweltschonender Tourismus - wie stehen sie zum Ausbau der Gletscher, zum Mountainbiking, zum Tourenskilauf?

Westenthaler: Die berechtigten kommerziellen Bedürfnisse des Tourismus müssen in einem ausgewogenem Verhältnis zu den verkraftbaren Anforderungen an die natürlichen Räume stehen. Die derzeitige Nutzung der Landschaft liegt an einer Steigerungsgrenze. Gefordert ist eine effizienter gestaltete Nutzung bestehender Kapazitäten.

Standard: Sollte das Sportwettengeschäft zur Finanzierung des Sports herangezogen werden?

Westenthaler: Schon jetzt engagieren sich Wettanbieter und dahinter stehende Unternehmen sehr stark im Sportsponsoring. Daher wäre eine gesetzliche Verpflichtung nur in Abstimmung mit den Wettanbietern sinnvoll da sonst am Ende unterm Strich vielleicht weniger überbleibt als derzeit bereits geleistet wird.

Standard: Wie kann man die Integration durch Sport (Park-Käfige, Vereine, Integrationsfiguren wie Jukic) fördern?

Westenthaler: Der Sport bietet sozialintegrative Funktionen an, die über einzelne Maßnahmen bzw. Glücksfälle wie die Jukics hinausgehen. Allerdings bedarf es dazu einer echten Implementierung in alle gesetzlich und verwaltungstechnisch relevanten Querschnittsmaterien. Eine verstärkte gesetzlich geregelte Förderung aus zusätzlichen Ressorts (Soziales, Gesundheit, Inneres, Landesverteidigung) wird genauso notwendig sein, wie die Betonung des Spitzensports als Möglichkeit zur sozialen Mobilisierung.

Standard: Wie stehen sie zu Beschränkungen für die Werbung, die sich beispielsweise bei Coca Cola über Sportler direkt an Kinder richtet?

Westenthaler: Die Frage gesunder Ernährung im Allgemeinen wäre nicht punktuell über Werbung, sondern stringenter Weise über lebensmittelrechtliche Bestimmungen zu regeln. Zuckergehalt und die Verwendung bestimmter Transfette müssten einer gesetzlichen Beschränkung unterworfen werden bzw. mit entsprechend hohen Abgaben belegt werden. Eingeschränkte Werbung kann nur ein kleiner Teil einer groß angelegten Kampagne zur Verbesserung des Ernährungsverhaltens der Bevölkerung sein. (Die Fragen stellte Johann Skocek)

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