Nachgefragt: Peter Haubner (VP)

1. September 2008, 11:01
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Sportsprecher für eine "neue Bewegungskultur", die getrennten Sportdachverbände sollen bleiben

 

Standard: Befürworten sie eine Zusammenlegung der drei Dachverbände ASKÖ, SPORTUNION, ASVÖ?

Haubner: Nein

Standard: Befürworten sie eine Konzentration der Fördermittel auf medaillenträchtige olympische Disziplinen?

Haubner: Eine engere Abstimmung zwischen dem ÖOC und den Fachverbänden und eine stärkere koordinative Rolle des ÖOC und der Fördergeber (Bund und Ländern) ist im kleinen Österreich jedenfalls angebracht. Der Reformprozess Sport:Zukunft der aktuellen Bundesregierung hat hier bereits sehr konstruktive Ansätze gebracht. Es muss einen nationalen Plan für Olympia- und Leistungszentren über mehrere Sportarten hinweg geben. Die Talente- und Nachwuchsförderung muss professionalisiert und zentral koordiniert werden. Das sind wir dem Steuerzahler im Sinne eines effizienten Mitteleinsatzes schuldig.

Standard: Ist es sinnvoll, die Sporterziehung auf Sieg und Leistungsoptimierung zuzuschneidern?

Haubner: Sport muss in erster Linie Spaß und Freude an der Bewegung sein. Das haben wir vielleicht in den letzten Jahrzehnten etwas verlernt. Wir haben eine bewegungsarme Gesellschaft erzeugt, bei der wir zuerst das Bewusstsein der Menschen erreichen müssen, um Erfolge zu erzielen. Wir brauchen eine Bewegungskultur für jede Österreicherin und jeden Österreicher. Andere Länder wie die Skandinavier oder die Niederländer sind uns da um einiges voraus.

Standard: Befürworten sie eine Neuverteilung der Fördermittel, da der Fußball derzeit zu viel aus den Lotto-Mitteln erhält?

Haubner: Tatsache ist, dass es ein gutes System der Bundessportförderung gibt, das in Basisfinanzierung und Projektfinanzierung bei den einzelnen Verbände unterscheidet. Dieses Modell der Bundessportförderung gibt den Verbänden unter anderem die notwendige Planungssicherheit.

Standard: Befürworten sie ein Berufsbild Sportler und eine Lehrlingsausbildung Sport, ähnlich der in England?

Haubner: Die soziale Absicherung des Berufssportlers, aber auch eine Verbesserung der Stellung des nebenberuflichen oder ehrenamtlichen Trainers und Funktionärs ist eine der wichtigsten Forderungen des organisierten Sports an eine neue Bundesregierung.

Standard: Befürworten sie die tägliche Turnstunde? Oder zumindest die Vermehrung der schulischen Bewegungseinheiten, im berufsbildenden Zweig findet ja bis heute null Bewegungsunterricht statt?

Haubner: Natürlich fordern wir diese tägliche Bewegungseinheit. Wir brauchen generell eine neue Bewegungskultur in Österreich. Die Autonomie der Schulen hat dazu geführt, dass zuerst bei den Sportstunden gekürzt wurde. Das ist bei allen Finanznöten nicht zu akzeptieren. Erfolgreiche Betriebe haben erkannt, dass sportlich aktive Mitarbeiter gesünder und motivierter sind. Für unsere Schülerinnen und Schüler gilt dasselbe.

Standard: Befürworten sie eine stärkere Kontrolle des (autonomen) Sports durch die Politik?

Haubner: Ich halte die Vorgabe von gesellschaftspolitischen Zielen an den Sport für legitim und notwendig. Die Kontrolle sollte sich in diesem Sinn auf die Erreichung der inhaltlichen Ziele konzentrieren. Mehr Medaillen bei Sportgroßveranstaltungen im Spitzensport, mehr Österreicher in qualifizierter sportlicher Bewegung im Breitensport sollten solche Ziele sein. Die Grundsätze einer ordentlichen Buchführung und die Richtigkeit der Mittelverwendung werden bereits ausreichend kontrolliert.

Standard: Ist die Anzahl der Medaillen und allgemein das Abschneiden bei Olympia ein aussagekräftiger Wert für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Sports?

Haubner: Die Ergebnisse bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften können in manchen Bereichen oder Sportarten sehr wohl Hinweise auf die Qualität der Arbeit sein. Dort ist anzusetzen und in Abstimmung mit allen relevanten Partnern der Weg in die Zukunft einzuschlagen. Das ändert aber nichts daran, dass der heimische Sport sehr leistungsfähig ist. In der Autonomie bestehen gut funktionierende Strukturen, die in anderen Ländern oft mit neidvollem Blick betrachtet werden. Diese Stärke und Leistungsfähigkeit ohne einer Grundlage eines Staatssportsystems ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen erfolgreichen Zusammenarbeit in unserem Land.

Standard: In Österreich fehlen, vor allem in Wien, Sportstätten, überwiegend Hallen. Was würden sie dagegen unternehmen?

Haubner: Bewegungsräume spielen in der Raumplanung in den einzelnen Bundesländern kaum eine Rolle. Der Schlüssel liegt hier in einer effektiven Zusammenarbeit zwischen Sport, Schulen, Ländern und Gemeinden (Städten).

Standard: Warum wird der Sport nicht stärker propagiert - als Prävention, als Sparmaßnahme in der Krankenversicherung?

Haubner: Wie gesagt 1 Euro im Sport spart 3 Euro in der Sozialversicherung. Wir sind hier auf einem guten Weg, der aber Zeit benötigt. Die Systeme im Sozialsektor sind noch nicht ausreichend auf eine Kooperation mit einem autonomen und aus deren Sicht unreglementierten Bereich wie dem organisierten Sport eingestellt. Aber über einzelne Projekte erzielen wir bereits Erfolge. Sport auf Empfehlung des Arztes in der Gesundenuntersuchung, die Behandlung von Diabetikern durch Bewegungsangebot in Sportvereinen sind hier als Beispiele genannt.

Standard: Befürworten sie die Kriminalisierung und strafrechtliche Verfolgung von Doping-Sündern und deren Helfern?

Haubner: Mit meinen Kollegen aus dem Nationalrat habe ich die Dopinggesetznovelle dieses Sommers gemeinsam vorbereitet. Wir wollen harte Strafmöglichkeiten für organisierten Dopinghandel und Missbrauch, keine strafrechtlichen Kriminalisierung von Sportlern, die gegen ihre Wettbewerbsbestimmungen verstoßen. Diese Personen sind mit der Sperre in ihrem Beruf ohnehin gestraft genug.

Standard: Sollen im ORF mehr Randsportarten berücksichtigt werden? Und weniger Fußball und Ski, oder mehr davon? Ist im ORF zu viel/zuwenig Sport im Programm?

Haubner: Der ORF geht mit seinem Spartenkanal SportPlus in eine gute Richtung. Hier hat sich in den letzten Jahren auch durch den Druck der privaten Konkurrenz für den Sport einiges verbessert. Allerdings haben wir hier noch viel Handlungsbedarf und Verbesserungsmöglichkeiten. Ich würde mir wünschen, dass der Sport in der Berichterstattung vielfältiger seinen Niederschlag findet. Zusätzlich bin ich der Überzeugung, dass auch ein breites Betätigungsfeld für Gesundheits- und Bewegungsprogramme im ORF vorhanden wäre.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Medien (Zeitungen, ORF) und Sportverbänden und -vereinen.

Haubner: Solange die objektive Berichterstattung nicht gefährdet ist und die Verflechtung zum Wohle des Sports ist, gibt es nichts dagegen einzuwenden.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Glücksspielmonopol und Sport, siehe Stickler, tipp3-Liga?

Haubner: Der österreichische Sport lebt seit Jahrzehnten von den Österreichischen Lotterien. Dieses Finanzierungssystem ist ein erfolgreiches Modell, das den Sport von Politik und Sponsoren aus der Wirtschaft in einem gewissen Grad unabhängig macht. Das ist gut so und soll so bleiben.

Standard: Sollte Sportsponsoring steuerbefreit sein?

Haubner: Wir brauchen im Sinne der Sport- und Bewegungskultur Anreizsysteme wie eben eine steuerliche Begünstigung von Sportförderung. Alle Ansätze in diese Richtung werden von mir begrüßt.

Standard: Umweltschonender Tourismus - wie stehen sie zum Ausbau der Gletscher, zum Mountainbiking, zum Tourenskilauf?

Haubner: Jean Jaques Rousseau hat gesagt, die Freiheit des einen endet da, wo die Freiheit des anderen unzumutbar beeinträchtigt wird. Bei den Ressourcen verbrauchenden Sportarten ist alles eine Frage von Maß und Ziel. Beim Mountainbiken lässt sich ebenso wie beim Skitourengehen meist eine vernünftige Berücksichtigung aller Interessen erzielen.

Standard: Sollte das Sportwettengeschäft zur Finanzierung des Sports herangezogen werden?

Haubner: Dazu ist die Entwicklung der Diskussion über die Aufrechterhaltung des Monopols der heimischen Lotterien abzuwarten. Wenn die Sportfinanzierung neu anzudenken ist, sehe ich in einer Lizenzierung des Sportwettenbereichs mit entsprechenden Abgabepflichten eine Alternative.

Standard: Wie kann man die Integration durch Sport (Park-Käfige, Vereine, Integrationsfiguren wie Jukic) fördern?

Haubner: Der organisierte Sport im Verein ist eine der besten Integrationsmaßnahmen, die es in unserer Gesellschaft gibt. Gemeinsame Sportausübung funktioniert über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Vorbilder wie die Familie Jukic leisten einen unschätzbar großen Beitrag zur Integration.

Standard: Wie stehen sie zu Beschränkungen für die Werbung, die sich beispielsweise bei Coca Cola über Sportler direkt an Kinder richtet?

Haubner: Hier handelt es sich um eine Frage der Glaubwürdigkeit des Sports. Die kommerziellen Interessen der Vereine und Sportler geraten hierzu oft in Konflikt. Ich halte nichts von rechtlichen Beschränkungen, sondern würde eher den Weg einer Kampagne für Gesundheitsförderung durch richtige Ernährung und Sport dagegensetzen. (Mit Peter Haubner sprach Johann Skocek)

 

 

 

 

 

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