"Taliban noch nicht geschlagen"

1. September 2008, 07:25
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Die Zahl der Sprengfallen ist in diesem Jahr nach Angaben der Internationalen Schutztruppe ISAF um rund 50 Prozent angestiegen - Deutsche Bundeswehr in Erklärungsnot

Kabul/Hamburg - Die Zahl der Sprengfallen in Afghanistan ist in diesem Jahr nach Angaben der Internationalen Schutztruppe ISAF um rund 50 Prozent angestiegen. Der Chef des Stabes der ISAF, der Bundeswehr-General Hans-Lothar Domröse, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa in Kabul, 2008 seien bisher etwa 1200 Sprengsätze der radikalislamischen Aufständischen detoniert. In den ersten acht Monaten des Vorjahres seien rund 800 Explosionen registriert worden. Die Entwicklung sei "Besorgnis erregend", sagte Domröse. "Die Aufständischen sind noch nicht geschlagen."

Am vergangenen Mittwoch war ein deutscher Hauptfeldwebel getötet worden, als eine Bundeswehr-Patrouille im nordafghanischen Kundus in eine Sprengfalle geriet. Am Sonntag wurde in der Region neben einer deutschen Patrouille erneut ein improvisierter Sprengsatz (IED) gezündet, der aber niemanden verletzte.

"Rebellen hätten technischen Fertigkeiten weiterentwickelt"

Knapp 1300 Sprengfallen seien in diesem Jahr rechtzeitig entschärft worden, im Vorjahreszeitraum habe diese Zahl bei 850 gelegen, sagte der General. "Das zeigt klar: Unsere Soldaten sind gut ausgebildet und sind sich der Gefahr bewusst." Die Rebellen hätten ihre technischen Fertigkeiten weiterentwickelt. So reagierten sie auf die von den Militärkonvois eingesetzten Funkstörgeräte, indem sie Sprengsätze mit Kabeln und Druckplatten zündeten. "Die Taliban denken nach, um uns zu treffen. Schlagen können sie uns nicht."

Auch Hinterhalte hätten im Vergleich zu 2007 wieder leicht zugenommen, sagte Domröse. Die Zahl der Selbstmordanschläge liege in diesem Jahr bisher in etwa auf dem Vorjahresniveau. 2007 hatten sich 160 Attentäter in die Luft gesprengt, mehr als in jedem anderen Jahr seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Der deutsche General sagte, die meisten Opfer seien dabei tragischerweise unter Zivilisten zu beklagen gewesen.

Mehr internationales Engagement beim Wiederaufbau gefordert

Domröse forderte mehr internationales Engagement beim zivilen Wiederaufbau. Die ISAF verfolge die Strategie "clear, hold and build", also eine Gegend von Aufständischen zu säubern und das Gebiet unter Kontrolle zu halten, damit dann der zivile Wiederaufbau dort vorangetrieben werden könne. Die NATO-geführte Schutztruppe erfülle ihren Teil des Konzepts, betonte der General.

Domröse sagte, er rechne damit, dass bis 2012 oder 2013 das angestrebte, kürzlich erhöhte Ziel von rund 120 000 afghanischen Soldaten erreicht sei. Nach Erreichen der Sollstärke könne über eine Reduzierung der ausländischen Truppen nachgedacht werden. Derzeit verfüge die afghanische Nationalarmee über 63 000 Soldaten.

Deutsche Bundeswehr-Soldaten missachteten Einsatzregeln

Im Fall der drei in Afghanistan erschossenen Zivilisten haben die deutschen Bundeswehr-Soldaten nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" die Einsatzregeln missachtet. Nach Informationen der Zeitung schossen ausschließlich die deutschen Soldaten am Donnerstagabend an der Straßensperre. Es gebe jedoch Regeln, nach denen lediglich die afghanischen Polizeikräfte Fahrzeuge kontrollieren und eventuell das Feuer eröffnen dürften, berichtet die Zeitung weiter.

Die Schüsse gingen dem Bericht zufolge zudem durch die Fenster des Autos. Bundeswehr-Soldaten sei es jedoch verboten, nach dem Abbruch eines Angriffs auf Flüchtende zu schießen. Vielmehr sollten "flüchtende Fahrzeuge mit Schüssen auf die Reifen oder in den Kofferraum gestoppt werden, weil sie keine unmittelbare Bedrohung mehr darstellen", schreibt das Blatt weiter. Bei dem Zwischenfall waren eine Frau und zwei Kinder getötet worden. (APA/dpa)

 

  • Die deutsche Bundeswehr gerät nach dem Tod von drei Zivilisten an einer Straßensperre der Bundeswehr in Erklärungsnot. 
    Foto: AP/Michael Hanschke

    Die deutsche Bundeswehr gerät nach dem Tod von drei Zivilisten an einer Straßensperre der Bundeswehr in Erklärungsnot. 

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