"Keine halben Sachen machen"

31. August 2008, 20:48
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Pharmakologische Konzepte, um Blutdruck zu senken, gibt es viele: Susanne Schelosky sprach mit dem Kardiologen Slany über Impfung, Schrittmacher und konventionelle Methoden


STANDARD:
Was halten Sie von der Impfung gegen Bluthochdruck?

Slany: Die Geschichte ist sehr medienwirksam, allerdings sind die bisherigen Erfahrungen noch sehr begrenzt. Es gibt viele offene Fragen, etwa zur Wirksamkeitsdauer oder eventuellen Allergien. Das alles wird sich erst in wirklich groß angelegten Studien zeigen, und davon ist man noch weit entfernt. Wir haben in letzter Zeit bei einigen neuen Ansätzen für Medikamente gesehen, dass sie die Vorschusslorbeeren nicht verdienten. Ich bin also sehr skeptisch.


STANDARD: 
Auch dem eben vorgestellten Schrittmacher gegenüber?

Slany: Auch hier gilt: Man muss sehr vorsichtig sein. Er wurde erst an ein paar Patienten getestet, und deshalb kann man nicht viel rückschließen. Würden Patienten hingegen mit den heute bereits verfügbaren Medikamenten keine halben Sachen machen, ließe sich Bluthochdruck auch heute schon gut in den Griff bekommen. Wir wissen, dass für mehr als 90 Prozent der Patienten mit Bluthochdruck ein oder sogar oft zwei Medikamente nicht ausreichen, um die gewünschte Absenkung zu erzielen. Es spricht aber nichts dagegen zu kombinieren.


STANDARD: 
Was ist das Problem?

Slany: Blutdruck lässt sich wirklich in den allermeisten Fällen ohne Bedenken senken. Es macht in meinen Augen wenig Sinn, wie es in Österreich immer wieder praktiziert wird, nur zögerlich und mit halben Dosierungen der Medikamente eine Blutdrucksenkung anzugehen. Das Problem ist ja nicht nur die zu geringe Absenkung, sondern vor allem auch die Dauer der Absenkung, die dadurch halbiert ist. Und wir wissen, dass gerade die Blutdruckwerte in der Nacht oder am frühen Morgen gefährlich hoch sein können. Wiener Neurologen im Schlaganfall-Register haben Patienten gefragt, was sie über ihre Risikofaktoren wissen. Fast alle wussten Bescheid. Wenn Wissen nicht umgesetzt wird, lauert die Katastrophe.


STANDARD:
Welche Nebenwirkungen von Blutdrucksenkern schrecken Patienten ab?

Slany: Aus meiner Sicht bilden sich Patienten vieles ein. Sie lesen den Beipackzettel, erfahren, was alles sein könnte, und achten dann darauf verstärkt. 60 Prozent lesen den Beipackzettel, und 30 Prozent nehmen die Medikamente dann gar nicht mehr. Oder sie nehmen nur die halbe, verordnete Dosierung. Chemie ist Gift, mit diesem Vorurteil haben wir zu kämpfen.


STANDARD:
Wer sind die inkonsequentesten Patienten?

Slany: Junge Männer. Bei älteren Männern wird es besser, und wenn schon ein Infarkt oder Schlaganfall stattgefunden hat, sind die Patienten auch eher bereit, die Medikamente zu nehmen. Interessant ist auch, dass Kombinationspräparate mit zwei Wirkprinzipien besser abschneiden als Einzelsubstanzen.


STANDARD:
Rechnen Sie mit neuen medikamentösen Ansätzen?

Slany: Demnächst kommen direkte Reninhemmer. Ideen gibt es viele, die meisten sind aber noch in frühen Stadien. Ich setzte mehr auf Kombinationsprodukte, da wird es sicher neue Produkte geben. 30 Prozent der Patienten erreichen optimale Blutdruckwerte erst mit drei Medikamenten, also wäre auch eine Dreierkombination sinnvoll. Was die Blutdruckabsenkung unterstützt, sind körperliche Bewegung, Entspannungsübungen, Meditation und Lachen. Ein indischer Arzt propagiert Lach-Yoga.

  • ZUR PERSON 
Jörg Slany ist Kardiologe, Vorstand der 2.
Medizinischen Abteilung in der Wiener Rudolfsstiftung und Präsident der
Hochdruckliga Österreich.
    foto: standard

    ZUR PERSON

    Jörg Slany ist Kardiologe, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung in der Wiener Rudolfsstiftung und Präsident der Hochdruckliga Österreich.

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