Inguschetischer Journalist in Polizeigewahrsam getötet

1. September 2008, 18:02
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Opposition fordert Abspaltung von Russland

Zwei Kriege haben die Tschetschenen für ihre Unabhängigkeit gegen Moskau geführt und verloren. Dass ausgerechnet das kleine, wenig bevölkerte Südossetien von Moskau anerkannt worden ist, verbittert viele auf der anderen, der russischen Seite des Kaukasus. Der noch ungeklärte Tod des inguschetischen Oppositionellen und Journalisten Magomed Jewlojew am Sonntag führt nun zu neuen Unruhen in der russischen Teilrepublik.

"Wir müssen Europa oder Amerika bitten, uns von Russland abzutrennen. Wenn wir diesem Land unangenehm sind, wissen wir nicht, was weiter geschehen wird", sagte der Leiter des Organisationskomitees für nationale Protestkundgebung, Magomed Chasbijew, dem Radiosender Echo Moskwy. Außerdem warf der Oppositionelle dem Kreml Genozid am inguschetischen Volk vor.

In den vergangenen Monaten hat sich die Lage in der kleinen Kaukasusrepublik, die an den Krisenherd Tschetschenien und an Nordossetien grenzt, zugespitzt. Immer wieder kam es zu Schusswechseln zwischen inguschetischen Freischärlern und russischen Polizisten sowie zu Terroranschlägen. Erst Ende Juli explodierte vor dem inguschetischen Innenministerium eine Bombe, die zwei Menschen tötete und fünf verletzte. Russland vermutet hinter den Terrorakten islamistische Fundamentalisten.
 
Streit mit dem Präsidenten

Am Sonntag war Jewlojew, ein Anwalt, der die regierungskritische Internetseite www.ingushetiya.ru betreibt, nach einem gemeinsamen Flug mit dem Präsidenten der Republik Murat Sjasikow am Flughafen von Narsan festgenommen worden. Dabei sei es zwischen Jewlojew und dem inguschetischen Präsidenten zu einem heftigen Streit gekommen. Wie der Kommersant berichtet, seien kurz nachdem das Ehrengeleit des Präsidenten den Flughafen verlassen hatte, vier Wolga des Innenministerium vorgefahren, die Jewlojew in Gewahrsam nahmen.

Nach Angaben des inguschetischen Innenministeriums sollte der Journalist wegen eines unaufgeklärten Bombenanschlages vernommen werden. Auf der Fahrt soll Jewlojew versucht haben, einem Beamten die Dienstwaffe zu entreißen. In dem Handgemenge soll sich ein Schuss gelöst haben, der den 37-Jährigen in die Schläfe traf. Bekannte fanden Jewlojew mit einer Kopfwunde am Straßenrand. Eine Notoperation im Krankenhaus blieb erfolglos.

Die Betreiber der Internetseite waren dem Kreml schon länger ein Dorn im Auge. Im Dezember 2007 initiierte Jewlojew die Aktion "Ich habe nicht gewählt". Nachdem Inguschetien bei der Dumawahl eine Wahlbeteiligung von 99 Prozent meldete, begann Jewlojew Unterschriften zu sammeln, um zu beweisen, dass das Wahlergebnis gefälscht war. Wahlsieger wurde damals die Kreml-Partei Jedinaja Rossija. Im Juni ordnete ein Moskauer Gericht schließlich die Schließung der Kreml-kritischen Seite an. Die Chefredakteurin flüchtete Anfang August nach Frankreich.

Am Einmarsch der Russen in Georgien haben auch viele Soldaten aus den Teilrepubliken im Nordkaukasus teilgenommen. Tschetschenische Einheiten eilten den südossetischen Milizen zu Hilfe und beteiligten sich nach Augenzeugenberichten auch an den Plünderungen in den georgisch bewohnten Dörfern. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2008)

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