Zu viel Druck

31. August 2008, 20:35
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Bluthochdruck macht sich selten bemerkbar, wer nichts dagegen unternimmt, schädigt Nieren und das Herz-Kreislauf-System

Die Wechselwirkung zwischen Blutdruck und Befindlichkeit ist tückisch: Mit einem zu niedrigen Blutdruck kann man sehr alt werden, fühlt sich aber oft nicht wohl. Einen erhöhten Blutdruck spürt man nicht, aber genau das macht ihn gefährlich.

Viele Beeinträchtigungen

Denn dauerhafte Werte über 140/90 schädigen das Herz-Kreislauf-System und die Nieren. Vor allem: Es droht Schlaganfall. Was nur wenige wissen: Auch die geistige Leistungsfähigkeit wird erheblich beeinträchtigt. Japanische Forscher erbrachten den Nachweis, dass die Durchblutung des Gehirns selbst schon bei leichteren Formen der Hypertonie abnimmt.

"Die Beeinträchtigung des Denkens ist ein sehr wirkungsvolles Argument, um Patienten zu überzeugen, wie wichtig es ist, Medikamente zur Blutdrucksenkung regelmäßig einzunehmen," sagt Jörg Slany, Kardiologe an der Wiener Rudolfsstiftung und Präsident der Hochdruckliga Österreich. Denn der Blutdruck, ein sehr flexibles System, das je nach Anstrengung einmal mehr und einmal weniger Blut durch die Adern pumpt, schützt unter anderem auch das Gehirn. Erhöht sich der Blutdruck geht nämlich nicht mehr, sondern weniger Blut durchs Gehirn. Das ist die Crux.

Hälfte der Bevölkerung über 60

Tatsache ist, dass die Hälfte der Bevölkerung mit mehr als 60 Jahren in den deutschsprachigen Ländern ständig unter erhöhten Blutdruckwerten (mehr als 140 zu 90) leidet. Ganz grundsätzlich sollten alle Betroffenen deshalb erst einmal beim Lebensstil ansetzen: mehr Bewegung, weniger Körpergewicht, salzarme, obst- und gemüsereiche Kost, weniger Alkohol und Stressabbau beeinflussen den Blutdruck oft positiv.

Werte mit Medikamenten normalisieren

Durch eine 24-Stunden-Messung sollten dann personenbezogene Besonderheiten erfasst werden. "Es gibt große Unterschiede zwischen der Selbstmessung und der 24-Stunden-Messung", kann Peter Tschudi vom Schweizer Institut für Hausarztmedizin berichten, denn dort wurden diese Schwankungen in den letzten Jahren systematisch untersucht. Doch auch für Tschudi zeigt die Erfahrung: Die Mehrzahl der Bluthochdruckpatienten kann ihre aus der Norm geratenen Werte nur mit Medikamenten wieder ins Lot bringen und damit dem Schlaganfallrisiko entgegenwirken.

Geringe Complience

Leider ist die Compliance, das ist die Bereitschaft, eine Behandlung nach den ärztlichen Vorgaben durchzuführen, nicht sehr hoch. "Dabei sind nur wenige Medikamente so gut erforscht wie die Blutdrucksenker und zahlreiche Daten aus Studien belegen, wie groß ihr Nutzen ist", sagt Slany.

Medikamente, die den Blutdruck absenken, gibt es seit rund 50 Jahren. Das erste Medikament war Reserpin, rasch folgten zahlreiche andere mit immer neuen Ansatzpunkten.

Arzneimittel-Armada


Insgesamt stehen zur Blutdrucksenkung heute fünf verschiedene Arzneimittelgruppen zur Verfügung. Weit verbreitet sind die sogenannten Diuretika, das sind harntreibende Substanzen, die über eine Verringerung des zirkulierenden Blutvolumens wirken. Beta-Rezeptorenblocker im Gegensatz dazu setzen woanders an: Sie verringern die Herzfrequenz und das Herzzeitvolumen. Kalziumblocker, auch Kalziumantagonisten genannt, wirken, indem sie die Blutgefäße erweitern und damit den Druck senken.

ACE-Hemmer

Eine Arzneimittelgruppe, die sowohl als einzelne als auch in Kombination mit anderen eingesetzt werden, sind die so genannten ACE-Hemmer (Angiotensin Converting Enzyme). Sie blockieren ein Enzym, das in der Regulierung des Blutdrucks eine wesentliche Rolle spielt. Die fünfte und letzte große Medikamentengruppe, die sogenannten Angiotensin-AT1-Rezeptorantagonisten, setzen in diesem komplexen Prozess an einem anderen Punkt an.

Ziel jeder Therapie ist, den Blutdruck so weit zu senken, dass keine kardiovaskulären Ereignisse auftreten oder sich bereits vorhandene Organschäden nicht verschlimmern. Schafft man es, den Blutdruck um 10mmHg abzusenken, reduziert sich dadurch das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, um 31 Prozent.

Medikamentöse Therapie wirkt lebensverlängernd

Die medikamentöse Therapie wirkt auch für Hypertoniker über 80 Jahre lebensverlängernd. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschafter der groß angelegten HYVET-Studie (Hypertension in the Very Elderly Trial, dt: Blutdruck-Studie bei Hochbetagten). Sie hat ergeben, dass die Schlaganfall- und Sterberate auch in dieser Altersgruppe durch eine medikamentöse Blutdrucksenkung sehr effizient ist. Dank der breiten Palette effektiver Wirkstoffe sollten auch die betagteren Hypertonie-Patienten statt Ginkgo, Artischocken, Knoblauch effektive Antihypertensiva bekommen, so die Forderung.

Aber Achtung: Bluthochdruck ist nicht nur Alterserscheinung: Wie aus einer aktuellen Studie (Circulation 2008) hervorgeht, haben auch Jugendliche, die schlecht schlafen, erhöhte Werte. (Susanne Schelosk, MEDSTANDARD, Printausgabe, 01.09.2008)

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    Bluthochdruck wird oft bei Routine-untersuchungen entdeckt. Krankheitssymptome macht er nicht.

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