Die Fetische der Bildungspolitik

31. August 2008, 18:48
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Die ÖVP verkennt den Kindergarten, die SPÖ verrennt sich mit der Studiengebühr - von Lisa Nimmervoll

Wenn von Rot-Schwarz, dieser Regierung von der traurigen Gestalt, etwas bleibt, das die Bezeichnung Vision oder wenigstens Veränderungswille verdient, dann die Neue Mittelschule (NMS). Diese Erbschaft wird heute von den ersten Schülerinnen und Schülern im Osten Österreichs angetreten.

Es ist seit Maria Theresias Reformen der erste wirkliche Einschnitt in eine Schulstruktur, die noch immer den überholten Bedürfnissen der nach Klassen organisierten Industriegesellschaft entspricht. Ja, das NMS-Projekt hat - dank ÖVP - sehr enge Grenzen. Es ist nicht mehr als ein Schulversuch, und doch sind die Neuen Mittelschulen viel mehr: Sie brechen die unsinnige, begabungsignorante Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren endlich auf. Für die Schüler bedeutet das eine kleine Revolution. Gemeinsam lernen bis 14, sozial und intellektuell. Das ist eine neue Qualität in Österreich.

Was daraus wird, muss die nächste Regierung verantworten. Bis jetzt stand hierzulande einer tiefgreifenden, radikalen - im Wortsinn an die Wurzel gehenden - Bildungsreform die unselige parteipolitische Okkupation und Engstirnigkeit entgegen. SPÖ und ÖVP haben ihre jeweiligen Fetische beziehungsweise ihre blinden Flecke, die eine gesamthaft betrachtete Bildungspolitik nachhaltig blockieren.

Der ÖVP ist zwar zu gratulieren zu ihrem späten Erkenntnisgewinn, der ihr ein Ja zu - wenigstens - einem verpflichtenden Kindergartenjahr ermöglicht hat. Geschmälert wird das allerdings durch den Zusatz, dass es nur am Vormittag gratis sein soll. Was insinuieren die Schwarzen damit? Dass Mami zu Mittag eh von der Pein ihres (meist ohnehin schlecht bezahlten) Teilzeitjobs (der sie in der Pension noch teuer zu stehen kommen wird) wieder befreit ist und Zeit zum Kochen und am Nachmittag für pädagogisch wertvolles Spielen mit dem Nachwuchs hat?
Da sieht der Gebührenzwang der Schwarzen für den Nachmittagskindergarten plötzlich stark nach Working-Mum-Strafsteuer aus. In Zeiten der Teuerungs-Monomanie in allen politischen Reden sei angemerkt: Ein eigenes Gehalt (oder ein zweites für die Papa-Mama-Kind-Version) ist ein probater Selbstschutz gegen die Zumutungen höherer Preise.

Der fürsorgliche Sozialstaat, der sich als souveräner Initiator von Selbstermächtigungsprozessen begreift und mündige Bürgerinnen und Bürger will, wird jedenfalls nie wieder so breit und so treffsicher fördern können wie im Kleinkindalter.
Am anderen Ende des Bildungskontinuums quält sich die SPÖ mit ihrem Fetisch Studiengebühr. Als nachholende Verlässlichkeitsdemonstration will sie ihr verhängnisvolles Wahlversprechen jetzt realisieren. Niemand soll für ein Studium 60 Euro im Monat zahlen müssen (ein Beitrag, bei dem Eltern mit Kindergartenkindern losprusten). Dabei sagt SPÖ-Chef Werner Faymann, dass er für seine Tochter gerne für den Kindergarten blecht. Er als Besserverdiener könne sich das ja leisten, und wer das nicht kann, zahlt weniger oder ist befreit. Nur für ein Studium möchte er nicht mehr so gern zahlen, oder warum gelten dafür andere Maßstäbe? Auch da ist ein Drittel gebührenbefreit.

Ein Fall von selektiver Problemwahrnehmung. Ein Beispiel für Symbolpolitik. Und ein trügerisches Danaergeschenk für die, denen es gilt. Faymann will zwar das Aus der Studiengebühren finanzieren, aber zahlen werden dafür die Studierenden. Sie haben dann zwar ein paar Euro mehr im Monat, aber weiter die alten unzumutbaren Studienbedingungen.
Wer Unis und Studierenden Gutes tun will, dem sei das Wahlversprechen „Bessere Studienbedingungen" empfohlen: Das ist zwar sauteuer, aber es wirkt. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2008)

 

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