Weise Botschaft für die Menschheit

31. August 2008, 18:37
posten

Hayao Miyazaki besticht mit "Ponyo on the Cliff by the Sea" beim Filmfestival von Venedig

"35 Rhums" und "Z32" beweisen aber, dass die spannenderen Arbeiten momentan nicht im Hauptwettbewerb zu finden sind.

***

Das erste Wochenende auf dem Filmfestival von Venedig ist traditionell jenes, an dem die Hysterie bedrohliche Dimensionen annimmt. Anders in diesem Jahr: Vor kaum einem Kinosaal bilden sich Schlangen, in den Presseräumen des Palazzo del Cinema herrscht eher entspannte Atmosphäre, und die Sponsorenzelte davor wirken wie Trutzburgen, aus denen Stars wie Jane Fonda und Penelope Cruz fast ein wenig verkrampft von Plakaten herunterlächeln.

Dass die Hollywood-Prominenz bisher nicht persönlich vorbeischaute, scheint sich im glamourverliebten Italien auszuwirken. Doch sollte ein Festival wie die Mostra nicht ein Ort sein, wo man sich offen für andere Kinoformen - und andere Berühmtheiten - gibt?

Der Animationsmaestro Hayao Miyazaki ist zum Beispiel in seiner Heimat Japan ein Superstar, der alles, was er mit seinem Ghibli-Studios anfasst, zu Gold verwandelt. Sein neuer Film Ponyo on the Cliff by the Sea, in Venedig im Wettbewerb, läuft dort bereits im Kino und ist Box-Office-Spitzenreiter.

Weniger überbordend als zuletzt in Howl's Moving Castle erzählt er von einem Goldfisch, dem seine Unterwasserwelt zu eng wird, als er sich in das Menschenkind Sosuke und in den Geschmack von Schinken verliebt. Formen und Gestalten sind in Miyazakis Universum, wie man weiß, eine veränderliche Größe, genauso wie die Natur darin ganz selbstverständlich über ein Wesen und erstaunliche Sprechweisen verfügt. Der Goldfisch will ein Mensch werden, was das ohnehin schon beeinträchtigte Gleichgewicht der Kräfte nachhaltig zu stören droht. Die See steigt über Nacht so hoch an, dass fast kein Land mehr daraus hervorragt. Nur eine Mission aus Liebe vermag die Erde noch zu retten.

Ökologische Missstände

Ponyo on the Cliff by the Sea überträgt Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau auf ein zeitgenössisches Szenario, mit etlichen Echos ökologischer Missstände und einer weisen Botschaft für die Menschheit. Es sind aber letztlich die Bilder und szenischen Auflösungen, welche diese Themen so hinreißend transportieren - gleich den monoton vor sich hin grummelnden Wellen, auf denen Ponyo in hohem Tempo ihrem Herzenswunsch entgegenjagt.

Mizyazakis Kino muss die Welt nicht nochmals erfinden, er kostet sie mit dem Blick eines fünfjährigen Mädchen, das über magische Kräfte verfügt, neu aus. Ponyos erste heiße Tasse Tee glaubt man fast selbst zu schmecken.

Auf eine nicht unähnliche Weise erfreut sich Claire Denis' 35 Rhums, der außer Konkurrenz lief, an den profanen Dingen, die den Alltag eines Vaters und seiner erwachsenen Tochter bestimmen. Immer wenn Lionel, verkörpert von Alex Descas, von seiner Arbeit als Metrofahrer nach Hause kommt, huscht Joséphine (Mati Diop) ein Lächeln über die Lippen. Die Intimität dieses Miteinanders braucht keine Worte: Alles, heißt es einmal im Film, könnte endlos so weitergehen; aber das ist natürlich nur ein Wunsch, der das Glück festhalten will. Veränderungen werden kommen, das Alter bringt sie ganz zwangsläufig mit sich.

Nach der Herausforderung von L'Intrus, der über mehrere Kontinente führte, wirkt 35 Rhums beinahe wie ein Rückzug ins Private. So zärtlich ist dieser Film über die Blicke und Gesten zweier Menschen, dass deren Welt für Dritte fast unzugänglich erscheint. Noé (Grégoire Colin), ein Nachbar und Vertrauter, blickt immer wieder auf die Wohnungstür, als könnte er diese Schwelle nicht nehmen.

Ohne sozialkritische Emphase

Bemerkenswert an dem Film ist nicht zuletzt, dass es sich bei den meisten um Frankoafrikaner handelt, von deren Dasein hier endlich einmal ohne sozialkritische Emphase erzählt wird. Denis zieht es vor, Szenen wie einen abendlichen Ausflug zu entwerfen, der in einer Bar ausklingt und dabei alte und neue Vetrautheiten schafft.

Nicht nur 35 Rhums war ein Beleg dafür, dass die spannenderen Arbeiten momentan nicht im Hauptwettbewerb zu finden sind. In der Nebenschiene Orizzonti, die sich speziell dem innovativen Kino widmet, war Z32 zu sehen, der großartige neue Film des israelischen Dokumentaristen Avi Mograbi. Im Mittelpunkt steht ein Soldat, von dem wir zunächst nicht mehr wissen, als dass er an einer militärischen Aktion beteiligt war, die ihn dazu zwingt, vor der Kamera seine Anonymität zu wahren.

Das Darstellungsproblem verknüpft sich mit einem ethischen Dilemma: Der Soldat hat bei einem Rachefeldzug der Armee unschuldige palästinensische Polizisten getötet. Wie gibt man nun einem Täter Raum, wenn man die hinter seiner Tat wirksamen Motive erfragen will und ihn dabei nicht zeigen kann? Und ist es möglich, ihm zu vergeben - falls ja, wovon hängt das dann ab? Mograbi untersucht diese Fragen auf mehreren Wegen.

Die Identität des Soldaten verwischt er mit unterschiedlichen digitalen Masken. Das führt zu der produktiven Irritation, dass dieser immer mehr Gesichter erhält und aus einem plötzlich viele werden. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 9. 2008) 

 

  • Nur eine Mission aus Liebe vermag die Erde noch zu retten: "Ponyo on the Cliff by the Sea" von Hayao Miyazaki.
    foto: image.net

    Nur eine Mission aus Liebe vermag die Erde noch zu retten: "Ponyo on the Cliff by the Sea" von Hayao Miyazaki.

Share if you care.