"Träume hatte ich als kleiner Bub"

31. August 2008, 18:39
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Andreas Herzog (39) wäre gerne Teamchef geworden, Karel Brückner wurde es. Trotzdem ist er Assistent geblieben - ein STANDARD-Interview

Christian Hackl sprach mit Andi Herzog über Ziele, Diplomatie und auch über die WM-Qualifikation.


Standard: Haben Sie es schon verarbeitet, nicht österreichischer Teamchef geworden zu sein?

Herzog: Ja, kein Problem. Ich dachte mir, noch zwei Jahre lang unter Josef Hickersberger weiterzutun. Dann hörte er überraschend auf, ich wurde als Nachfolger ins Spiel gebracht. Natürlich machte ich mir kurz Hoffnungen, weil auch seitens des ÖFB Signale gekommen sind. Dann fiel eben die Entscheidung zugunsten von Brückner.

Standard: Also kein Schock.

Herzog: Nein. Hätten sie irgendeinen Kasperl geholt, wäre ich vermutlich sehr frustriert gewesen.

Standard: Offensichtlich hat Ihnen Präsident Friedrich Stickler den Chefposten nicht oder noch nicht zugetraut. Eine logische Konsequenz wäre der Abgang gewesen. Warum sind Sie geblieben?

Herzog: Weil mir die vergangenen zweieinhalb Jahre mit der EM-Vorbereitung viel Spaß gemacht haben. Ich wollte die Schritte der jungen Spieler noch begleiten.

Standard: Bleibt das Amt des Teamchefs trotzdem Ihr Traum?

Herzog: Traum ist übertrieben formuliert. Ziel ist es sicher. Im Fußball hatte ich als kleiner Bub Träume. Ich wollte Profi werden, mit dem Flugzeug durch die Welt fliegen. Die habe ich mir erfüllt. Wobei die negativen Erfahrungen nicht zu leugnen sind. Ich habe im Fußball nur noch Vorstellungen. Eine davon ist, im Ausland zu arbeiten, egal in welcher Funktion, vielleicht in den USA. Dorthin hab ich gute Kontakte. Ich hätte auch kein Problem damit, weiterhin der Zweite zu sein. Sofern es passt.

Standard: Als aktiver Kicker waren Sie aber eher Erster, von der Zeit bei Bayern München abgesehen.

Herzog: Ich bin schon einer, der gerne Verantwortung übernimmt. Es ist eine Umstellung. Aber ich sage immer offen meine Meinung. Die Entscheidung trifft dann der Chef, da muss man sich anpassen.

Standard: Wie schwierig ist die Umstellung von Hickersberger auf Brückner? Worin unterscheiden sich die beiden?

Herzog: Mit Hickersberger kann man Brückner nicht vergleichen. Hicke hat viel gesprochen, mit den Medien, mit den Spielern. Vielleicht ist Brückner Otto Rehhagel nicht unähnlich. Er ist erfahren, erfolgreich, hatte eine große Karriere, gilt als absoluter Fachmann. Er hat seine eigene Art zu arbeiten.

Standard: Wie schaut diese Art aus?

Herzog: Ich glaube, es ist ein Vorteil, nicht aus demselben Land zu kommen. Dadurch ist man unabhängiger, muss sich nicht um Vorurteile scheren, man steht den Dingen zunächst neutral gegenüber.

Standard: Haben Sie Ihre Rolle schon gefunden oder definiert?

Herzog: Für mich hat sich nicht viel geändert. Ich unterstütze ihn, wenn er mich braucht.

Standard: Gibt es sprachliche Barrieren? Der andere Assistent, Ján Kocian, spricht mit Brückner Tschechisch. Steht man da nicht automatisch ein bisserl im Abseits?

Herzog: Nein. Als Spieler bin ich in der Kabine gesessen und habe neben mir Spanisch und Portugiesisch gehört. Das ist im Fußball so. Außerdem spricht Brückner im kleinen Kreis weit besser Deutsch als vor vielen Leute. Da besteht eine Hemmschwelle. Das sage ich nicht, weil ich Ruhe haben möchte. Es geht nicht darum, wer Einser, Zweier und Dreier ist. Jeder muss zeigen, was er draufhat.

Standard: Brückner reduziert den Kontakt mit den Medien aufs Minimum. Sie sollen Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Wissen Sie, was Sie sagen dürfen und was nicht?

Herzog: Das ist noch ein Problem. Unter Hickersberger war es einfacher, weil ich ihn schon lange gekannt habe. Als Assistent musst du dich zurückhalten, der Teamchef gibt immer die Linie vor. Ich will keine Wickel produzieren. Vielleicht schadet es mir nicht, ein bisserl Diplomatie zu lernen.

Standard: Die EM ist vorbei, am Samstag beginnt gegen Frankreich die WM-Qualifikation. Was kann man erwarten, wie weit weg ist die Endrunde 2010 in Südafrika?

Herzog: Von der Papierform her haben wir eine ganz schwierige Gruppe erwischt. Das ist Fakt. Frankreich ist haushoher Favorit. Wir sollten bis zum Schluss im Rennen um Platz zwei sein, das ist das Minimalziel, da wäre keiner böse, würden wir scheitern. Bei der EM haben wir gesehen, dass wir mit den Topmannschaften körperlich mithalten können. Dass wir sie nicht besiegen konnten, haben wir allerdings auch erfahren. Wir müssen analysieren, warum. In der WM-Qualifikation kommt eine neue Komponente dazu. Wir hatten ja nur Heimspiele, das war eine klare Geschichte, wir hatten sechs Wochen Vorbereitung. Jetzt werden wir sehen, wie der eine oder andere Spieler auswärts vor ausverkauftem Haus reagiert. Man wird merken, wer wirklich einmal ein Großer werden kann.

Standard: Es wird derzeit eine Diskussion um Andreas Ivanschitz geführt. Soll er Kapitän bleiben?

Herzog: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Vorrangig ist, dass er wieder in Form kommt. Mit oder ohne Schleife ist vielleicht für ihn entscheidend, aber nicht für die Mannschaft. Brückner hat sich alle Matches des Nationalteams genau angeschaut, dem entgeht nichts.

Standard: Noch einmal zur EM: Hat sie etwas verändert?

Herzog: Es gab unter Hickersberger einen Umbruch, der unbedingt notwendig war. Leider sind wir in der Offensive nicht wirklich gut. Es gibt Ursachen. Wir wollen uns mit Frankreich oder Spanien vergleichen, dann kommt irgendein Millionär daher und glaubt, man kann Erfolg kaufen. Auf grundlegende Dinge wird vergessen, die Fehler werden in der Ausbildung gemacht. Es gibt deshalb keine Stürmer, die miteinander spielen, die kombinieren, die Laufwege der anderen kennen. Das muss sogar noch der Erwin Hoffer verbessern, obwohl es national völlig reicht.

Standard: Aber gerade im Nachwuchsbereich sind die Erfolge nicht wirklich schlecht. Mit dem Erwachsenwerden klappt es nicht.

Herzog: Die Jungen kommen in den Kader, spielen ganz brav, sind zufrieden. Und dann stockt es. Ich bin gespannt, ob Talente wie Kavlak, Stankovic oder Junuzovic irgendwann Partien im Alleingang entscheiden. Und nicht der Mario Haas oder der Steffen Hofmann. Man hat nicht den Eindruck: Na hallo, der wird Monat für Monat stärker. Der Christoph Leitgeb ist sicher der Begabteste, den wir seit langer Zeit haben. Aber schön langsam sollte irgendetwas kommen. Nach drei guten Schüssen wird bereits über einen Auslandstransfer diskutiert. Und man wartet vergeblich auf den vierten, fünften und sechsten Schuss.

Standard: Ist es nicht deprimierend, dass Zypern in der Champions League vertreten ist?

Herzog: Es sollte ein Ansporn sein. (DER STANDARD Printausgabe 01.09.2008)

Zur Person:

Andreas Herzog, geboren am 10. September 1968 in Wien, ist mit 103 Länderspielen (26 Tore) ÖFB-Rekord-Internationaler. Seit 2006 Teamchef-Assistent.

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    Andreas Herzog muss in den nächsten Wochen ausloten, "was ich öffentlich sagen soll und sagen darf".

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