Sympathischer Massenklang

31. August 2008, 18:30
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Salzburg: Das Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela im Großen Festspielhaus

Salzburg - "Alles pulsiert hier!", findet ein euphorisierter Gustavo Dudamel, nach seinen heurigen Salzburg-Impressionen befragt. Sein diesbezüglicher Beitrag ist jedoch nicht unerheblich, und Dudamel wird in den nächsten Jahren bei den Festspielen wohl noch um weitere gebeten werden. Denn Musikchef Markus Hinterhäuser hält den Mann aus Venezuela für einen "Charismatiker, wie es ihn seit Leonard Bernstein nicht mehr gegeben" habe.

Sicher ist: Im nächsten Sommer wird er den Jungdirigenten (Jahrgang 1981) mit den Wiener Philharmonikern zusammenspannen. Auch international ist er längst im "Darlingbereich" angekommen: Esa-Pekka Salonen wird Gustavo Dudamel, um den sich auch schon die Deutsche Grammophon kümmert, in Los Angeles als Chefdirigent beerben.

Beim Symphonieorchester Göteborg hat er bereits das Sagen. Dass er so weit kam, hat er jenem Klangkörper zu verdanken, mit dem er heuer in Salzburg eine Woche lang gastierte.

Dieser hört auf den wortreichen Namen Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela und ist Ergebnis eines landesweiten, auch sozialen Projektes, das auch Straßenkinder über Musik in eine sinnvolle Struktur einbindet (seit Beginn vor 30 Jahren etwa 250.000 Kids), allerdings auch mit musikalischen Ereignissen dienen kann.

Riesenhafte Besetzung

Zunächst von der Quantität her: Gleich 14 Kontrabässe hat die auch sonst riesenhaft aufgestellte Besetzung im Großen Festspielhaus anzubieten, um Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" zu erwecken. Wichtiger aber: Aus einer temperamentvollen Spielhaltung heraus wird die Energie zum Fundament einer gediegenen Orchesterkultur, Dudamel kanalisiert die juvenilen Kräfte mit dynamischer Geste in sinnvolle Bahnen. Es entsteht ein Bilderbogen mit bei Bedarf grellen, dann wieder zarten Farben.

Diszipliniert auch die Assistenzarbeit beim Konzert für Klavier, Violine und Cello von Beethoven, wodurch die überschwängliche Diktion von Geiger Renaud Capuçon und Cellist Gautier Capuçon noch deutlicher in Erscheinung treten konnte.

Ein regelrechter Vibratorausch war zu vernehmen, romantisch aufgeladen parlierten die Brüder. Makellosigkeit und Verve ließen indes jeglichen Einwand, hier würde mit singendem Ton ein bisschen dick aufgetragen, sogleich verstummen.

In jedem Fall wirkte sogar Martha Argerich am Klavier vergleichsweise als gelassener Gegenpol. Und das will schon ein bisschen was heißen. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 9. 2008)

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