An der Grenze des Hausverstands

31. August 2008, 18:25
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In Alpbach endeten die Architekturgespräche 08. Größtes Sorgenkind: Die Raumplanung

Alpbach - Die Zahl der Menschen, die in Städten leben, steigt kontinuierlich. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Ballungsräumen. Bis 2025 soll der Anteil auf zwei Drittel angestiegen sein. Das erklärte Dieter Läpple, Professor am Institut für Stadt- und Regionalökonomie an der HafenCity Universität Hamburg (HCU), im Rahmen der Architekturgespräche, die am Samstag endeten und den Abschluss des 64. Europäischen Forums Alpbach bildeten.

Die Sorge der Redner galt vor allem den wachsenden Speckgürteln, die die Städte in zunehmendem Ausmaß einkesseln. "An diesen Orten möchte sich niemand aufhalten", meinte Wolfgang Sonne, Professor für Architekturtheorie an der Uni Dortmund: "Der Siedlungsteppich, der unsere Städte umgibt, vereint die Nachteile des Landlebens mit den Nachteilen der Stadt." Weder sei man von urbaner Infrastruktur umgeben, noch sei man im Grünen.

Das Wachstum der Städte - pro Tag werden in Österreich für die Siedlungsentwicklung über 17 Hektar beansprucht - hat verheerende Folgen für den Verkehr und die Ansiedlung von Industrie, Supermärkten und Einkaufszentren. Urbane Qualität entstehe dadurch nicht.

"Ja, solche Gewerbegebiete werden geradewegs gefördert", sagte der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler, "in manchen Bundesländern Deutschlands erhält jede Stadt, die ein eigenes Gewerbegebiet ausweist, steuerliche Begünstigungen."

Schuld daran ist die Raumplanung, also jene Disziplin, die die Entwicklung des Bevölkerungswachstums geografisch lenkt und im besten Fall für eine Balance zwischen städtischem und ländlichem Raum sorgt. "Die raumplanerischen Entwürfe sind großteils eine Katastrophe", so Mäckler, "Raumplaner denken in ihren eigenen Bahnen. Von Architektur und Städtebau haben sie keine Ahnung."

In Österreich ist das Problem virulent. Statt eines einheitlichen Raumordnungsgesetzes auf Bundesebene hat jedes Bundesland seine eigenen Vorschriften. "Sogar von Gemeinde zu Gemeinde gibt es Unterschiede", beklagt Heinz Fassmann von der Uni Wien, Institut für Geographie und Regionalforschung, "jede Ortschaft kann über ihr Wachstum autonom bestimmen und schafft damit neue Schwierigkeiten."

Gerlind Weber, Vorstand am Institut für Raumplanung und ländliche Neuordnung an der Boku Wien, plädiert für einen intelligenteren und nachhaltigeren Umgang mit den Flächenressourcen. "Der Überhang an Bauland beträgt in Österreich rund 50 Prozent. Das muss man sich einmal vorstellen!"

Im Klartext: Stünde auf jedem Grundstück, das laut Flächenwidmung für Bebauung freigegeben ist, ein Haus, so würde die gesamte Baumasse in Österreich auf das Anderthalbfache ansteigen. Der fortschreitenden Zersiedelung ist damit Tür und Tor geöffnet.

Welche Folgen das langfristig mit sich bringt, sei kaum vorstellbar. "Mit der heutigen Raumplanung schaffen wir uns die Altlasten von morgen", sagt Weber. Den zu erwartenden Leerstand, die immer weiteren Wege und die in Folge steigende Mobilität werde sich die Gesellschaft eines Tages nicht mehr leisten können. "Für ein Umdenken ist es jetzt schon fast schon zu spät. Wir beklagen hier verschüttete Milch."

Eine Kritik darf im Rahmen dieses Diskurses nicht fehlen. Auch den Sponsoren der Veranstaltung wurde heuer das eine oder andere Platzerl auf dem Podium gewährt. So kam es, dass sich unter die hochkarätigen Professoren und Institutsvorstände auch ein Mediensprecher von Österreichs größter Supermarkt-Kette mischte. Statt sich auf die Sache zu konzentrieren, wurde im prominenten Rahmen PR betrieben. Das untergräbt jede seriöse Diskussion, sagt einem der Hausverstand. (Wojciech Czaja/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 9. 2008)

 

 

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