"Schwierigste Lage seit 60 Jahren"

31. August 2008, 17:53
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Großbritannien wird von der Immobilienkrise voll erfasst, was der Finanzminister des Landes, Alistair Darling, offen einräumt. Gleichzeitig springt das Budgetdefizit an

 

London - Schatzkanzler Alistair Darling bewertet die Lage der britischen Wirtschaft deutlich düsterer als Premierminister Gordon Brown. Das Land befinde sich "in der wohl schwierigsten wirtschaftlichen Lage der letzten 60 Jahre" , glaubt der Wirtschafts- und Finanzminister und löste damit am Wochenende eine Regierungskrise aus. Darling gilt als politischer Weggefährte Browns und hat sich einen Ruf als stiller, aber effizienter Technokrat erworben.

Seine offenen Interview-Äußerungen sind deshalb umso überraschender. Der Labour-Regierung stünden "zwölf sehr schwierige Monate" bevor, glaubt Darling, denn: "Die Leute haben die Schnauze voll." Auf eine mögliche Regierungsumbildung angesprochen, deren Opfer er selbst sein könnte, winkt der Schatzkanzler ab: "Nennen Sie mir eine Regierung, die von einer Kabinettsumbildung profitiert hätte."

Defizit explodiert

Unbestritten für alle Beteiligten sind die düsteren Eckdaten der britischen Wirtschaft. Die offizielle Teuerungsrate lag zuletzt bei 4,4 Prozent und damit doppelt so hoch wie das Inflationsziel der Notenbank (zwei Prozent). Die Energieversorger erhöhten zuletzt die Preise um mindestens ein Viertel, Lebensmittel sind um rund zehn Prozent teurer als vor Jahresfrist. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt leicht auf vergleichsweise immer noch niedrige 5,4 Prozent.

Für von vielen geforderte Konjunkturspritzen fehlt dem Schatzkanzler der fiskalische Spielraum. Die Neuverschuldung nimmt bedrohliche Ausmaße an; den Berechnungen des renommierten Economist Intelligence Unit zufolge dürfte sie für 2008 bei 3,8 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt legen. Während Darling seinem Budget im März noch ein jährliches Wachstum für 2008 von etwa zwei Prozent zugrunde legte, verzeichnete die Wirtschaft im letzten Quartal Nullwachstum, Tendenz fallend.

Zwar flossen durch den hohen Ölpreis zusätzliche Milliarden in die Staatskassen, gleichzeitig fehlen dem Schatzkanzler aber eingeplante Gelder aus der Unternehmenssteuer. Erst vergangene Woche kündigten drei britische Firmen, darunter der Finanzdienstleister Henderson mit Fonds-Einlagen von 67 Milliarden Euro, die Steuerflucht nach Irland respektive Luxemburg an. Auch auf dem ungemein wichtigen Immobilienmarkt stehen alle Zeichen auf Sturm. Im Durchschnitt sind Häuser und Wohnungen heute um zehn Prozent billiger zu haben als vor Jahresfrist. Hypothekenbanken haben deshalb ihre zuvor freizügige Geschäftspraxis geändert: Der britischen Bankvereinigung zufolge wurden im Juli 65 Prozent weniger Kredite vergeben als im Juli des Vorjahres.

Zudem liegen die Zinsen häufig höher. Das bringt Probleme für viele hochverschuldete Hausbesitzer mit kurzen Kreditverträgen mit sich, die ihre Tilgungsraten nicht mehr bedienen können. Ihnen will die Regierung mit großzügigen Hilfsgeldern entgegenkommen; Details sind offenbar zwischen Premierminister und Schatzkanzler ebenso umstritten wie weitere Hilfen für Banken und Kreditkassen.

Denen hatte die Bank von England bereits im April mit Regierungsanleihen in der Gesamthöhe von 50 Milliarden Pfund (63,5 Mrd. Euro) unter die Arme gegriffen. (Sebastian Borger, London, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2008)

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    Der britische Häusermarkt bricht ein: Die Immobilienpreise liegen bereits um zehn Prozent unter Vorjahresniveau, die Zinsbelastung drückt auf die Haushalte.

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