Aufgesetzt und ausgebrannt - Rückschritte im Wahlkampf

31. August 2008, 17:28
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Großkundgebungen haben die "heiße Phase" des Wahlkampfs eingeleitet - wenn er überhaupt noch heiß wird

Im ORF-TV sind die Spitzenkandidaten der Nationalratsparteien aufgetreten, Großkundgebungen haben die "heiße Phase" des Wahlkampfs eingeleitet. Wenn er überhaupt noch heiß wird. Denn der wieder auf der Bundesbühne engagierte Jörg Haider spielt nicht mehr den Robin Hood, sondern den gerechten Landesfürsten. Werner Faymann kann gar kein Bösewicht sein. Das Populistische an ihm wirkt fast schon populär. Den strengen Part mimt Wilhelm Molterer als integrer Direktor einer Provinz-Sparkasse.

Schlecht? Nein. Aber zum Abgewöhnen. Weshalb sich die Medien mit ihm so schwertun. Kein Fun-Faktor, den der zweite Bärtige, Alexander Van der Bellen, immer noch und locker bietet. Keiner lacht so viel wie Heinz-Christian Strache, der mir während des neuen Batman-Films "The Dark Knight" als Komparse des Jokers erschienen ist. Ohne Maske. Und trotzdem aufgesetzt.

Sieht man ab von den relativ klar konzipierten Faymann-Plakaten, ist das Affichier-Niveau jämmerlich. "Six Feet Under" . Fallendes Kulturgut. Vielleicht liegt es auch am Geld. Sowohl Grüne als auch Freiheitliche scheinen unter die Design-Bastler gegangen zu sein. Van der Bellen wird durch einen "mutigen Schnitt" entstellt. Die Strache-Leute reimen noch schlechter als Wolf Martin. Die ÖVP hingegen begeht einen der schlimmsten Fehler der Plakatwerbung: viel zu viel Text.

Doch welche Gesichter sollen die Schwarzen überhaupt flächendeckend zeigen? Domina Fekter? Degenfechter Bartenstein? Den zweiten Pröll, der zu seinem Vierziger bereits Kinderfotos verschicken lässt? Da vermisst man Wolfgang Schüssel. Der ja, angesichts der hoffentlich unverrückbaren Prinzipien Molterers, wieder eine schwarz-blau-orange Mehrheit zusammenpokern könnte. Diese Möglichkeit fällt einem als Erklärung ein, warum Die Presse den Rechtsaußen Strache auf ihrer ersten Seite so forciert.

Gerechterweise muss man auch das vermerken, weil sonst nur die Krone als temporäre Parteizeitung oszilliert. Sie spielt diese Rolle so gut, dass man die Kommentare des wegen eines Sturzes kurz lahmgelegten Parteichefs der "Mitte" , Hans Dichand, schmerzlich vermisst hat.

Also hält man sich an den jüngeren Boulevard, der den Feldzug für Faymann ebenfalls fortsetzt. 26 Prozent hat die SPÖ dort und "zieht" deshalb "an der ÖVP vorbei" , die bei 25Prozent liegt. Nie was gehört von Schwankungsbreite bei Umfragen? Schon, aber was soll's, wenn populistische Herausgeber eine mittlerweile völlig ausgebrannt wirkende Meinungsforschung manipulieren.

Dass der Wahlkampf vorläufig nicht so heftig ist wie 2006, zeigen auch die Zugriffszahlen im Internet. Beispiele aus derStandard.at: Die Konfrontation Bartenstein gegen Westenthaler 2006 hatte bis heute 28.758 Zugriffe, Molterer gegen Haider 2008 hält bei 18.210. Van der Bellen gegen Gusenbauer 2006 brachte es auf 41.943, Van der Bellen gegen Faymann 2008 steht bei 27.003. Westenthaler gegen Strache 2006 kam auf 68.501Zugriffe, Haider gegen Strache bis Freitag auf 30.092.

Außer dem Knüller Teuerung kein Aufreger im Wahlkampf. Dafür genug medien- und demokratiepolitische Rückschritte. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2008)

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