"Liebe Genossinnen, liebe Genossen, lieber Alfred!"

29. August 2008, 20:28
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Die SPÖ feierte ihren Wahlkampfauftakt in der Wiener Stadthalle mit esoterischen Klängen, ekstatischen Genossen und emotionalen Reden - Eine derStandard.at - Reportage - Mit Video

"Wir begrüßen unsere Spitzenkandidaten", ruft der Moderator dem erwartungsvollen Publikum in der Wiener Stadthalle zu. Die Türe auf der Bühne geht auf - und Claudia Schmied, Maria Berger, Andreas Schieder, Christoph Matznetter, Heidrun Silhavy, Norbert Darabos, Wilhelm Haberzettel, Josef Cap, Barbara Prammer, Doris Bures und Laura Rudas treten der Reihe nach aufs Podium. Die Hände winkend in Richtung Publikum gestreckt und allesamt mit strahlendem Lächeln im Gesicht. Die Szene hat was von "Wetten Dass". Wie in der Show-Sendung ist der Applaus kaum zu stoppen. Und der Moderator trägt einiges dazu bei, die Stimmung anzuheizen. "Wo sind die FreundInnen?", ruft er, "ich will euch hören!" Noch lauter wird es, als SPÖ-Spitzenkandidat Werner Faymann die Bühne betritt. In Siegerpose steht er auf der Bühne und genießt das Bad in der Menge. Die Wahlkampfauftaktveranstaltung der SPÖ hat begonnen.

Gemischtes Publikum

Im Publikum sitzen viele langgediente Sozialdemokraten, vereinzelt hat es auch junge Leute in die Stadthalle verschlagen. Ein paar bekannte Gesichter sind im Publikum zu finden: Ex-ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch, Pensionsten-Chef Karl Blecha, Altbundeskanzler Franz Vranitzky und Noch-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer. Letzterer wird von Faymann überschwänglich begrüßt. Insgesamt ist die Stadthalle mit 3.000 SPÖ-Anhängern gut gefüllt. Beim Programm wird versucht, ein breites Spektrum abzudecken: Da spielt eine bemühte Coverband Songs wie "Sexbomb", die österreichischen Teenie-Idole Luttenberger*Klug wünschen mit ihrem Hit einen "Super Sommer" und Seilakrobaten schwingen sich durch die Lüfte, begleitet von esoterischen Didgeridoo-Klängen.

"Ich weiß, dass Ihr da seid"

"Wisst Ihr warum ich so ein gutes Gefühl habe? Weil ich weiß, dass Ihr da seid". Michael Häupls Redeschema ist altbewährt. Ein Schmäh pro Satz, ein paar Sprüche, die im Gedächtnis bleiben, ein klares Feindbild. "Vor ein paar Wochen hat ein kleiner Mann mit metallischer Stimme gesagt, es reicht ihm - und das war eine der inhaltsreichsten Aussagen, die ich von ihm bisher gehört hab in diesem Wahlkampf", ätzt Häupl über Molterer. Der Wiener Bürgermeister konzentriert sich vor allem darauf, die Populismus-Vorwürfe zu kontern. Die ÖVP tue nichts gegen die Teuerung, für die Gesundheits- und Pflegepolitik, für die Bildung - die SPÖ hingegen wolle "etwas für das Volk tun", so Häupl. "Den Populismus, liebe Freunde, nehmen wir in Kauf!" Die SPÖ wolle Veränderung, die ÖVP stehe für Blockade, so der Wiener Bürgermeister weiter. "Es hat Zeiten gegeben, da hätte ich so was als mieselsüchtig bezeichnet. Das mach ich jetzt nicht mehr, aber ich denk noch nach. Mir ist noch kein besseres Wort eingefallen". Es folgen Applaus und Standing-Ovations.

Zwei Prominente sind heute gekommen, um sich auf der Bühne als Faymann-Anhänger zu outen: Turmspringerin Anja Richter und Schauspieler Adi Hirschall. Erstere wünscht sich von Werner Faymann "mehr Sportsgeist in der Politik". Schauspieler Hirschall bekennt: "So wie mir das Blut durch die Adern fließt, ist die SPÖ in meinem Kopf verankert."

Die sozialdemokratische Familie

Es geht weiter mit der Rede des Spitzenkandidaten - und man versteht an diesem Abend, wieso es Faymann gelungen ist, von jungen Roten bis zu alten Gewerkschaftern alle "GenossInnen" hinter sich zu versammeln. Der größte Teil seiner Rede ist Lob. Lob für seinen Vorgänger, Lob für den ÖGB, Lob für seine Wahlkampfmanagerin Doris Bures, Lob für die Parteimitglieder. "Liebe Genossinnen, liebe Genossen, lieber Alfred", startet Faymann seine Ansprache. Und beschwört vor Allem das große "Wir" - die sozialdemokratische Familie sei der Garant für den Wahlsieg. "Gemeinsam sind wir nicht zu schlagen". Der SP-Spitzenkandidat spielt zunächst die roten Kernthemen: Soziale Gerechtigkeit, Stärkung der Arbeitnehmerrechte, Kampf gegen die Teuerung. "Wir sind die Arbeitnehmerpartei", ruft Faymann seinen Parteigenossen zu. Das Feindbild ist klar: Die ÖVP, verkörpert vom "Bremser-Duo" Molterer und Schüssel. "Und dieses Bremser-Duo hat verhindert, dass wir die Studiengebühren abschaffen". Besonders heftiger Applaus brandet auf.

In den letzte Minuten der Rede versteht man ein bisschen besser, wieso Faymann gerne Populismus vorgeworfen wird. Wenn man nicht wüsste, dass man auf einem sozialdemokratischen Wahlkampfauftakt ist - gemerkt hätte man es nicht. Da wird gegen den Transit gewettert, gegen Lohndumping und Kernkraft, gegen die "Lobbyisten in Brüssel". Da hält es auch die Zuseher nicht mehr auf ihren Stühlen. Faymann freut es: "Ich spüre wenn eine Bewegung in Schwung kommt - Freundschaft!" Zum Abschluss wird dann noch der Wahlsong der SPÖ präsentiert: "Don't forget thinking about tomorrow", ein alter Fleetwood Mac-Hit, der schon Bill Clinton und Michael Häupl zu Wahlsiegen verholfen hat. (Anita Zielina, Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 29.8.2008)

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    Foto: APA/Hochmuth

    Gerade noch im Hinterzimmer, und jetzt auf der Showbühne: Werner Faymann.

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    Das Publikum trug "Die neue Wahl"-Schals, die vor der Stadthalle gratis verteilt wurden.

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    Michael Häupl, gewohnt schlagfertig: "Früher hätte ich sowas als mieselsüchtig bezeichnet".

  • Werner Faymann Superstar, so wollte es zumindest die Inszenierung.
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    Foto: Standard/Fischer

    Werner Faymann Superstar, so wollte es zumindest die Inszenierung.

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    Der alte Chef hatte noch seine letzten Minuten Ruhm, der neue lobte ihn für sein Engagement in den "schweren Zeiten".

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