Bayreuth: Mythos vom Ende der Götter und Menschen

29. August 2008, 19:48
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Am 31. August gibt Wolfgang Wagner nach 57 Jahre die Leitung der Festspiele in Bayreuth ab - Arte zeigt, worum es auf dem Grünen Hügel geht

Wer in Bayreuth arbeitet, ist freiwillig hier - und mehr noch, er begreift die Arbeit bei den Festspielen als besondere Ehre, und all das, meint Christian Thielemann, der seit 2000 auf dem Grünen Hügel dirigiert und heuer für seinen Ring bejubelt wurde, merke man auch an der Qualität des Gebotenen.

In ihrem Dokumentarfilm Götterdämmerung (eine Spiegel TV/Unitel-Produktion, die Sonntag, 22.40 Uhr im Rahmen eines Bayreuth-Themenabends auf Arte erstmals ausgestrahlt wird) gehen Michael Kloft und Peter Siebenmorgen der Faszination dieses Tempels, den Richard Wagner für die Pflege seiner Werke 1876 erschaffen hatte, nach, für den Opernbesucher bis zu sieben Jahre auf eine Karte zu warten gerne bereit sind.

Was von Bayreuth als Maßstab und Avantgarde geblieben ist zeigt der Film nicht, auch stimmt er den Vorwürfen, Bayreuth sei künstlerisch längst nur mehr zweite Wahl und primär ein gesellschaftliches Ereignis, weder zu, noch argumentiert er dagegen - und auch über eine neue künstlerische Leitung der Festspiele wird nicht geurteilt.

"Keine Worte mehr - an die Arbeit!"

Dafür sieht man Wolfgang Wagner, den 89-jährigen Chef des Familienunternehmens, dessen Abschied aus dieser Funktion am Donnerstag nach der letzten Parsifal-Aufführung zelebriert wurde, bei der Arbeit: im Gespräch mit den Sängern, beim Posieren für Fotos mit Touristen, beim Besichtigen des technischen Aufbaus des Bühnenbilds. Er sei immer dabei, überall, erzählen die Künstler; klettert mit seinem Stock auf die Bühne, setzt sich zu den übenden Sängern, kontrolliert an allen Ecken die "gewaltige Kriegsmaschine" (so der Dirigent Daniele Gatti) Bayreuth und ruft dem Orchester bei der Probe zu: "Keine Worte mehr - an die Arbeit!" Neben der Begleitung der Proben, des Arbeitsalltags, macht sorgfältig zusammengetragenes Archivmaterial den Reiz der Götterdämmerung-Dokumentation aus: frühe Aufnahmen des Festspielhauses, der Villa Wahnfried, Privatfilme, welche die Besuche Hitlers bei der Familie und dessen Freundschaft mit Wolfgangs Mutter Winifred zeigen, Ausschnitte aus Inszenierungen, die seit Mitte der Sechzigerjahre für das Fernsehen aufgezeichnet werden.

Man sieht die Brüder Wieland und Wolfgang, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum frühen Tod Wielands die Leitung des Apparates teilen mussten, im gemeinsamen Büro, findet die vergangenen 40 Jahren unter Wolfgangs Führung prägnant zusammengefasst.

Mögliche Nachfolger

Natürlich kommen an diesem Vorabend der Entscheidung auch die Bewerber für Wolfgangs Nachfolge, über die am Montag der Stiftungsrat der Festspiele entscheidet, zu Wort: Wolfgangs Tochter Katharina, die das Unternehmen Bayreuth mit "jeder anderen Familie" vergleicht, die das Andenken an einen Groß- oder Urgroßvater hochhält. Und Nike Wagner, Wielands Tochter, die sich erst vor einer Woche mit Gerard Mortier für die Festspielleitung beworben hat und im Film feststellt: "Bayreuth hält viel aus, aber vielleicht nicht alles!"

Der Hauptdarsteller dieser Dokumentation ist allerdings das Festspielhaus, Pilgerort der Wagnerianer, die hier einem besonderen Mythos nachspüren wollen: der speziellen Akustik des Orchestergrabens, den Proberäumen, der Bühne, auf der, ungeachtet aller Diskussionen um eine Zukunft, seit 130 Jahren an der Götterdämmerung, dem endgültigen Zerfall der bestehenden Ordnung, dem Ende der Menschen und Götter gearbeitet wird. (Isabella Hager , DER STANDARD; Printausgabe, 30./31.8.2008) 

 

Sonntag, 22.40, Arte

  • Das Festspielhaus auf dem "Grünen Hügel": Pilgerort und Familienunternehmen.
    foto: zdf

    Das Festspielhaus auf dem "Grünen Hügel": Pilgerort und Familienunternehmen.

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