Gefahrloses Nuklearfeuer

29. August 2008, 19:29
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Alarme erfolgen Stunden bis Tage später - Wenn es in veralteten Anlagen schon vorher Probleme gegeben hat, kümmert das kaum - Von Michael Möseneder

Das Feine ist, dass Atomenergie völlig ungefährlich ist. Gleichgültig, welche radioaktiven Stoffe wo in die Umwelt gelangen: "Es besteht keine Gefahr", bescheinigen die Behörden stets. Sicher - baden sollte man vielleicht besser nicht in Flüssen, in die Uran gelangt ist. Wie in Frankreich. Und die rund um ein Labor, aus dem Jod ausgetreten ist, wachsenden Früchte bleiben besser unberührt. Wie in Belgien. Aber sonst - keine Gefahr.

In Zeiten des Kampfes gegen das Kohlendioxid wird die Spaltung von Atomkernen derzeit wieder interessant. Aus Umweltschutzgründen. Und in Zeiten steigender Ölpreise wird das freundliche Atomkraftwerk in der Nachbarschaft wieder interessant, weil es günstige Energie verspricht. Für die Atomindustrie sind das Glücksfälle, die sie auf weitere Bautätigkeit hoffen lassen. 439 Kernkraftwerke sind derzeit weltweit in Betrieb, weitere 35 sind in Bau.

Was zu denken geben sollte, ist nicht nur die ungelöste Frage, wo die strahlenden Reste des nuklearen Feuers für die nächsten 5000 Generationen untergebracht werden können. Seit Jahrzehnten wird die Lösung des Endlager-Problems versprochen. Die Welt wartet noch. Dass es nicht schwerer ist, einen Jet in einen Reaktor statt in Hochhäuser zu steuern, sollte auch nicht ganz übersehen werden.

Wirklich bedenklich ist jedoch auch die Nonchalance, mit der Konzerne und Forschungsstätten mit Zwischenfälle umgehen. Alarme erfolgen Stunden bis Tage später. Wenn es in veralteten Anlagen schon vorher Probleme gegeben hat, kümmert das kaum. Aber es spielt ja keine Rolle. Ist ja völlig ungefährlich. (Michael Möseneder, Der Standard Print-Ausgabe, 30./31.08.2008)

 

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