Die fetten Jahre sind vorbei

29. August 2008, 19:09
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Gleich mehrere Schwergewichte meldeten am Freitag schlechtere Ergebnisse, obwohl die Wirtschaft noch relativ gut lief

Wien - Die Immobilienkonzerne leiden unter massiven Wertberichtigungen ihrer Projekte (siehe Artikel), Banken und Versicherungen müssen ihre Wertpapierportfolios abschreiben und so mancher Industriekonzern merkt den stärkeren Margendruck im Gefolge der Konjunkturabschwächung: "Die fetten Jahre sind vorbei", bemerkt Analyst Alfred Reisenberger zu der Flut an mäßigen bis schlechten Unternehmensdaten vom Freitag. In der zweiten Jahreshälfte und vor allem 2009 müsse man sich auf Stagnation und die Gefahr von Rückschlägen einstellen, so der Experte des französischen Investmenthauses Cheuvreux. Er rechnet mit einer deutlichen Zurücknahme der Gewinnprognosen seiner Zunft, die großteils "zu hoch liegen".

Am Freitag waren Halbjahreszahlen der Immobiliengesellschaften sowie von Uniqa, Bawag und Hypo Alpe Adria von Wertberichtigungen und Risikovorsorgen geprägt, während das "normale" Geschäft in der Regel noch gut lief. Der führende Baukonzern Strabag rutschte um rund 30 Prozent tiefer in die Verlustzone, will aber im Gesamtjahr das Ergebnis um 30 Prozent verbessern. Die Börse begrüßte den Ausblick.

Der Ziegelproduzent Wienerberger schockte hingegen mit einer Gewinnwarnung. In den USA, in Großbritannien und Spanien ist dem Ziegelproduzenten der Markt weggebrochen. Die Telekom Austria leidet unter dem anhaltend schwachen Festnetzgeschäft, das den Gewinn zum Halbjahr sinken ließ.

Uneinheitliches Bild

Analysten verweisen darauf, dass das Bild derzeit ziemlich uneinheitlich ist. Ein gutes Beispiel dafür ist der Strommarkt: Während der Elektrizitätsproduzent Verbundgesellschaft im Geld schwimmt, meldete EVN einen deutlichen Gewinnrückgang, weil die Niederösterreicher die höheren Einkaufspreise in Vorwahlzeiten nicht an die Kunden überwälzen konnten.

Auch der Ausblick des nach wie vor boomenden Stahlerzeugers Voestalpine ist mit Unsicherheit behaftet. Das Unternehmen weist zwar nach wie vor eine exzellente Ertragssituation aus, wenn die Abnehmerindustrien (wie z. B. Automobil) schwächeln, wird das aber an dem Stahlkocher nicht spurlos vorübergehen, meinen Analysten.

Beim Karton- und Faltschachtelhersteller Mayr-Melnhof hat die Konjunkturdelle bereits Spuren hinterlassen. Das operative Ergebnis hatte zum Halbjahr um 6,1 Prozent nachgegeben und war damit deutlich unter den Erwartungen gelegen.

Flughafen machen Airlines zu schaffen

Unsichere Aussichten prägen auch das Bild beim Flughafen Wien. Man schaue derzeit nicht auf die noch guten Ergebniszahlen, so RCB-Analyst Stefan Maxian, sondern auf die weitere Entwicklung bei den angeschlagenen Flughafen-Kunden AUA und SkyEurope. Beide fliegen tief in den roten Zahlen und sind auf der Suche nach frischem Kapital. Auch die deutliche Kostenüberschreitung und weitere Verzögerung beim Bau des Flughafen-Terminals Skylink sei enttäuschend und habe zu einer Rücknahme der Gewinnschätzungen geführt, sagt Günther Artner, Leiter des Österreich-Research der Erste Bank.

Artner sieht für den Wiener Markt aber durchaus auch Aufwärtspotenzial. Sollte es gegen Jahresende zu einer Zinssenkung und einer rückläufigen Inflationsrate kommen, gebe es bei einigen Titeln durchaus Kurschancen, meint er.

So seien die börsennotierten Finanz- und Versicherungswerte wie Raiffeisen International, Erste Bank und Wiener Städtische unter den wenigen Unternehmen, die ihren Ausblick bisher nicht gesenkt haben, deren Kurs aber im Gefolge der internationalen Finanzkrise stark gelitten habe. Artner sieht damit auch Erholungspotenzial beim Wiener Leitindex ATX. (as, kol, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.8.2008)

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    Derzeit geht es mit den Unternehmensergebnissen nach unten, mit etwas Glück könnte die Talfahrt aber nur von kurzer Dauer sein.

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