Das Fleischlaberl-Netzwerk

29. August 2008, 18:57
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Es sind die existenziellen Fragen, die uns einfach nicht loslassen: Wer zieht die Fäden der Macht? Wo ist Kuscheln im Plüsch nicht ausgeschlossen? Was sagen Romys Ex-Lover?

Es sind die existenziellen Fragen, die uns einfach nicht loslassen: Wer zieht die Fäden der Macht? Wo ist Kuscheln im Plüsch nicht ausgeschlossen? Was sagen Romys Ex-Lover? Glücklich ein Land, in dem einem Fragen wie diese mir nichts, dir nichts beantwortet werden, als wäre es das Leichteste von der Welt. Und dieses Land ist das Land, in dem "News" erscheint. Wollen wir nicht gerade im Wahlkampf wissen, an wessen Strippen die Mächtigen tanzen? Ist es Hans Dichand? Oder doch Wolfgang Schüssel? Nein, es ist einer der erfolgreich auf dem Teppich geblieben ist: Wiens prominentester Teppichhändler zieht hinter den Kulissen der Macht die Fäden. Ein Teppichhändler also! Wer hätte das gedacht - und in der ÖVP ist man wegen eines Zeitungshändlers aus dem Häuschen. Man müsste mehr "News" studieren in der Lichtenfelsgasse.

Dann würde man sich auch ein anderes Bild von den Fähigkeiten des Wiener Bürgermeisters machen. Denn ein mächtiges Netzwerk, geflochten vom Teppichhändler, umschließt auch ihn. Michael Häupl zählt zu seinen engsten Freunden. Eine in über zehn Jahren gewachsene Freundschaft, die so weit geht, dass Häupl die Politik Politik sein lässt, wenn der Teppichhändler ihn braucht. Und sei es bloß - da kommt der Bürgermeister förmlich auf einem fliegenden Teppich dahergeflogen -, um für 300 Gäste seine berühmten Fleischlaberln zu brutzeln.

Das berühmte Fleischlaberl-Netzwerk, für das der Bürgermeister die Politik Politik sein lässt, dient aber, da muss man sich keine Sorgen machen, einem guten Zweck. Denn der berühmteste Teppichhändler Wiens verrät als sein Erfolgsgeheimnis: ,Ich bin ein Menschenfreund.' Daher versammelt er zwei- bis dreimal im Monat die Reichen und Mächtigen aus Wirtschaft und Politik. Aber seinem größten Vorbild begegnet der Teppichhändler jeden Tag. Es ist ein einfacher Mönch, der bei jedem Wetter vor der Kapuzinergruft zugunsten behinderter Kinder Kalender verkauft. So zieht Wiens prominentester Teppichhändler, angetan vom mönchischen Leben und den Fleischlaberln des Bürgermeisters, hinter den Kulissen der Macht die Fäden, aus denen der Teppich seines Erfolges geknüpft ist.

Österreich ist ein schönes Land, kein Zweifel. Und es stellt seine Schönheiten nicht unter den Scheffel. Diesbezüglich eine Lücke zu schließen, hat sich "News" aufgemacht, einen Lokalaugenschein in einem der schönsten Bordelle Österreichs vorzunehmen. Die Berichterstatterin kann sich über die Qualitätsverbesserung der gutbürgerlichen Wohngegend des Linzer Vororts gar nicht einkriegen. In der edlen, mit Gemälden und Versace-Möbeln ausgestatteten Lobby des "Napoleonhofes" sitzen ein Dutzend Männer und Frauen. Während die Herren bei dezenter Barmusik und einem guten Rotwein angeregt über Tagespolitik diskutieren, nippen die Damen an einem Gläschen Prosecco, zupfen ihre Abendkleider zurecht oder überprüfen ihr Make-up. Eine Szene, die sich dem Betrachter in einem britischen Gentlemen's Club ebenso bieten könnte wie in der Zigarrenlounge eines Fünfsterne-Hotels.

Womit die Betrachterin demonstriert, dass sie nach dem Lokalaugenschein weiß, wie es in einem Edel-Puff zugeht, aber kaum, wie in einem britischen Gentlemen's Club: Da, wo einst Schnitzel und Innviertler Speckknödel gereicht wurden, wird seit einiger Zeit neben Champagner und Zigarren auch der Erotik gefrönt. Dass die Betreiber so gar nicht dem klassischen Bordell-Image entsprechen, wird der "News"-Reporterin von einem der Brüder schnell erklärt: "Wir sind keine Hinterhofstrizzis, sondern echte Manager." Was ihr auch Gäste gerne bestätigen: "Wenn man es nicht wissen würde, würde man nicht denken, dass man sich in einem Bordell befindet", zeigen sich die Männer begeistert - vermutlich über ihr Insiderwissen: Kuscheln im Plüsch nicht ausgeschlossen.

Warum, bitte, soll ich denn nicht über meine sexuellen Erfahrungen und Empfindungen offen sprechen dürfen, lässt "News" den greisen Oswalt Kolle greinen. Romy wäre 70 geworden, da muss das Magazin, wenn es ihre Ex-Lover anzapft, schon anrühren dürfen, was ihm selber gänzlich fremd ist: Manche unterstellen Ihnen beim Thema Sex Geschäftemacherei. "News" hätte sich natürlich auch an das halten können, was Joachim Fuchsberger zu derlei Sex-Geständnissen über Romy Schneider meint: Besser ruhen lassen, und über Kolles Beziehungsgeschwafel erlaube ich mir kommentarlos hinwegzugehen.

Aber das wäre wohl von "News" zu viel verlangt gewesen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 30./31.8.2008)

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