Ein Lob der Krankheit

29. August 2008, 18:09
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Michael Köhlmeier bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen

Alpbach -Der beste Diskussionsbeitrag kam ganz am Ende - als nämlich der Schriftsteller Michael Köhlmeier davon erzählte, wie er einmal im Ö1-"Mittagsjournal" vom idealen Blutdruckmesswert hörte. Wie er sich ein Blutdruckmessgerät kaufte und dann bis zu 50-mal am Tag maß. Wie er im Internet ein Forum für chronische Blutdruckmesser fand und dann erst recht ein Trauma bekam, das wiederum eine psychotherapeutische Behandlung nötig machte.

Der bekennende Hypochonder und Krebspatient Köhlmeier war der Hauptvortragende des vom ORF gesponserten Plenums über "Die Rolle der Medien in der Gesundheitsgesellschaft" bei den Gesundheitsgesprächen in Alpbach. Und er sang ein paradoxes Loblied auf die Krankheit: Die mache einen Menschen mittlerweile eher zu etwas "Besonderem" als das kollektive Streben nach einer zur Norm erhobenen Gesundheit, die noch dazu fragwürdige Allianzen mit der Schönheit und der Moral eingegangen sei.

Das war nicht wirklich ganz passend für ein Podium, auf dem ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz - assistiert von seiner Bildungsabteilungsleiterin Gisela Hopfmüller, die auch moderierte - den Programmschwerpunkt "Bewusst gesund" seiner Anstalt lobte. Dass es keine eigene Gesundheits- oder gar Medizinsendung im bildungsbeauftragten ORF-Fernsehen gibt, wurde immerhin auch nicht völlig verschwiegen.

Ein Problem damit hatte aber auch nicht wirklich jemand am Podium, das im Übrigen - wohl auch zur Freude des mitdiskutierenden Pharmaindustrievertreters Jan Oliver Huber - auch lieber von "Gesundheitskommunikation" sprach. Nach einer Stunde Diskussion fiel dann das erste Mal das Wort "Medizinjournalismus", dessen krisenhafter Zustand in Österreich ausgerechnet vom medial omnipräsenten Prof. Siegfried Meryn angesprochen wurde. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31. 8. 2008)

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