Feuchtgebiet mit Rutschgefahr

29. August 2008, 17:49
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Michael Thalheimer inszeniert Shakespeares "Was ihr wollt" im Berliner Theater-Zelt

Berlin - Je näher das Ende von Bernd Wilms' Intendanz am Deutschen Theater in Berlin rückt, umso mehr lohnende "Pflichttermine" produziert er mit seiner Truppe: Nach dem politisch ruppig angekündigten Ende seiner Intendanz hat er sein Haus mit einem trotzigen "Jetzt erst recht!" an der Branchenspitze platziert.

Das einstige Renommierinstitut der DDR, in Theater heute "Bühne des Jahres", hat sich gegenüber Frank Castorfs selbstreflexivem Volksbühnen-Geklapper und Claus Peymanns großen Tönen am Schiffbauerdamm längst behauptet. Wenn Ulrich Khuon 2009 vom Hamburger Thalia nach Berlin wechselt, dann bedeutet das für ihn keinen Abstieg. Es spricht für den Teamgeist am Deutschen Theater, wenn der langjährige Chefdramaturg Oliver Reese den undankbaren Job als Einjahresintendant bis dahin übernimmt.

Dass er aus der Not des renovierungsbedingten Ausweichens in ein Zelt neben dem Theater die Tugend einer TV-Live-Übertragung der Eröffnungspremiere gemacht hat, ist an sich schon ein Coup. Man schüttet sich zwar bei der Zweistundenversion, die Michael Thalheimer aus Shakespeares Komödie Was ihr wollt gemacht hat, nun nicht gerade vor Lachen aus. Dafür schüttete es aber reichlich von oben: auf Olaf Altmanns erdigen Arena-Boden vor einer schlichten Sperrholzwand.

Thalheimer, ohnehin mehr Verdichter als Slapstickspezialist, bevorzugt das Hintergründige. Wenn sich bei ihm jemand über die Identität des anderen oder gar die eigene täuscht, dann scheint deutlich mehr auf als die bloße "Gaudi".

Obwohl diesmal auch gematscht wird, was das Zeug hält. Illyrien wird zu einem Feuchtgebiet mit Rutsch- und Spritzgefahr. Wenn sich Gräfin Olivia mit gerafftem Rock lustvoll stöhnend auf einen Matschhügel sinken lässt, wenn Bernd Stempel als Sir Toby Rülps auf die "fucking" Sprach-Schiefebene kommt, dann wird das Ganze zur verbalen Feuchtzone.

Doch Thomas Braschs Sprache passt gut zu Thalheimers trauriger Selbsterkundung verlorener junger Leute. Unter denen nur der Narr (Matthias Schweighöfer) in Schlips und Anzug ganz finster bleibt. Dass die Frauenrollen wie zu Shakespeares Zeiten von Männern gespielt werden, ist hier keine Koketterie - nicht nur im Falle von Gräfin Olivia, bei der Jürgen Hülsmann die hohe Stellung männlich aufscheinen lässt.

Vor allem Stefan Konarske gelingt es als Mann, der eine Frau (Viola) spielt, die einen Mann (den Diener Cesario) spielt, aus der Festlegung der Geschlechterrollen zu flüchten. Der selbstverliebte Herzog Orsino (Alexander Khuon) jedenfalls küsst den Cesario deutlich länger, als ihm bewusst sein will. Für Malvolio wirft sich Michael Benthin hemmungslos in die Übertreibung, hat aber keine Chance, der Demütigung im affigen Gelb zu entgehen. Die Rutschgefahr ist hier so groß wie die Sehnsucht. Am Ende bleibt jeder allein - das Deutsche Theater auf tollem Niveau. (Joachim Lange, DER STANDARD/Printausgabe, 30./31.08.2008)

  • Gelbe Strümpfe, Blau-strümpfe: Stefan Konarske als Viola.
    foto: freese

    Gelbe Strümpfe, Blau-strümpfe: Stefan Konarske als Viola.

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