Blicke aus dem Brunnen

29. August 2008, 16:47
posten

Ein großer Wurf: Der Kunsthistoriker Hans Belting untersucht in seinem neuen Buch, ob der Nahe Osten eine andere Weltsicht hat als der Westen

In der Türkei liegt ein Mann in einem Brunnen. Er ist tot, aber noch nicht ganz hinüber. Solange er nicht bestattet ist, sitzt seine Seele fest in dem schon verwesenden Leib, in dem zerschmetterten Schädel, im kalten Wasser, das an den Gliedern nagt. Solange die Seele noch festsitzt, hat der Mann etwas zu erzählen.

"Ein Toter bin ich nun" - mit diesem eigentlich unmöglichen Satz beginnt Orhan Pamuks Roman Rot ist mein Name aus dem Jahr 1998. Der sprechende Tote trug auch einen Namen: Sein Efendi. Er hat den Beruf eines Vergolders, Ornamente sind seine Spezialität. Er hat am Hof des Padischahs in Istanbul gearbeitet, in der Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Es sind die späten Jahre des 16. Jahrhunderts. Venedig ist eine Weltmacht, Istanbul eine andere, dazwischen liegt nicht nur ein Meer, sondern eine kulturelle Grenze, um die es in dem Roman (und dem Mordfall Sein Efendi) geht: "Hinter meinem Tod steht eine widerwärtige Verschwörung gegen unseren Glauben, unsere Tradition und unsere Art, die Welt zu sehen. Öffnet eure Augen, erkundet, warum die Feinde des Islam, die Feinde jenes Lebens, an das ihr glaubt, mich umbrachten und eines Tages auch euch umbringen könnten."

Mönch und Goldschmied

Diese Verschwörung, die durchaus aktuelle Bezüge hat, malt Orhan Pamuk in einer vielstimmigen Fabel aus. So wie Umberto Eco einmal das Bedürfnis verspürte, einen Mönch zu vergiften (und daraus die ganze Geschichte des neuzeitlichen Menschen abzuleiten), hatte der spätere türkische Nobelpreisträger für Literatur in den Neunzigerjahren das Bedürfnis, einem Goldschmied den Schädel einschlagen zu lassen (und daraus die Geschichte eines ostwestlichen Kulturkampfs abzuleiten).

Rot ist mein Name kreist tatsächlich um die Frage, ob es eine kulturell oder religiös spezifische Weise gibt, "die Welt zu sehen". Das scheint zuerst einmal eher unwahrscheinlich, schließlich haben die Menschen in allen Weltgegenden in der Regel zwei Augen, und das Licht fällt zwar in Lappland anders ein als in Zentralafrika, an den physiologischen Prozessen ändert das aber nichts. Aber auch hier ist es mit einer naturalistischen Antwort nicht so einfach getan, wie man vielleicht glauben möchte.

Die Perspektive als Leitfaden

Der Kunsthistoriker Hans Belting sucht in Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks nach einer kulturhistorischen Antwort auf die Frage, ob der Nahe Osten eine andere Weltsicht hat als der Westen, oder - große Themen brauchen große Vergleichseinheiten - ob der Islam eine andere Bilderkultur hat als das (nach-)christliche Europa. Dabei ist es mit stereotypen Annahmen nicht getan: dass der Islam bilderfeindlich und das Christentum bilderreich ist, lässt sich nur behaupten, wenn man sagen kann, was ein Bild ist. Ist das Licht, das durch einen gemusterten Schleier fällt, ein Bild? Ist die Kulisse eines frühneuzeitlichen Theaterstücks ein Bild? Sind die gemalten Seitenkapellen in italienischen Kirchen ein Bild?

Hans Belting, der bis 2007 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien leitete, hat sich mit diesen Fragen während seiner ganzen Karriere immer wieder beschäftigt. In seiner wichtigsten Studie Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst (1990) war er dem Thema des interkulturellen Vergleichs noch ausgewichen, obwohl er schon bei dieser Untersuchung des religiös zweckgebundenen Bildes bis zum Ausgang des Mittelalters immer wieder auf den Islam hätte stoßen können. Nun wagt er sich, angeregt nicht zuletzt durch den Roman von Orhan Pamuk, an einen "Blickwechsel" . Er möchte herausfinden, ob die uns selbstverständlich gewordene Weise, die Welt mit eigenen Augen, auf Fotografien, im Kino und im Fernsehen und natürlich auf Bildern der Kunst zu sehen, tatsächlich so selbstverständlich und konkurrenzlos ist, wie es im täglichen Betrieb der Massenmedien erscheint.

Die Geschichte der Perspektive, wie sie in Italien während der Renaissance entwickelt wurde, dient ihm dabei als Leitfaden. Die Maler und Theoretiker in Florenz erfanden im 15. Jahrhundert einen Bildtypus, mit dem wir es heute noch immer zu tun haben. Von einem zentralen Beobachtungspunkt ausgehend, tut sich da ein Fenster zur Welt auf, in dem alle Gegenstände so angeordnet sind, wie sie dem Auge auch in der natürlichen Wahrnehmung erscheinen. Personen oder Gegenstände im Vordergrund sind groß, je weiter hinten und je näher am Horizont sie sich befinden, desto kleiner werden sie. Irgendwo im Bild, im Zentrum der Blickkonstruktion, gibt es einen Fluchtpunkt, auf den hin die Perspektive geordnet ist.

Der Fluchtpunkt verändert sich je nach der Bewegung des Blicks, eine Filmkamera vermag das ohne große Probleme nachzuvollziehen, auch wenn dabei ständig die Schärfe neu zu ziehen ist. Diese Weise, in die Welt hineinzublicken, war ursprünglich einmal Gott vorbehalten gewesen. Nur er hatte den vollständigen Überblick, mit dem Beginn der Neuzeit und dem Erfolg der Wissenschaften schickten sich die Menschen an, sich selbst ein Bild zu machen.

Inzwischen sind sie mit ihrem "skopischen Regime" bis weit hinter die Grenzen der natürlich sichtbaren Dinge vorgedrungen. Die erkenntnistheoretischen Probleme der Zentralperspektive, die mitnichten einen sicheren, archimedischen Beobacherpunkt findet, sind inzwischen auch längst durchschaut. Am Erfolg des Konzepts ändert dies nichts.

Belting will nun darauf aufmerksam machen, dass "Perspektive" vor dem 15. Jahrhundert noch andere Bedeutungen hatte als diejenigen, die uns geläufig geworden sind. Er bezieht sich dabei vor allem auf Alhazen (965-1040), einen arabischen Wissenschaftler und Philosophen, der ein bedeutendes Werk über das Sehen geschrieben hat. Bis 1572 wurde es unter dem lateinischen Titel Perspectiva überliefert, danach firmierte es unter dem griechischen Begriff Optik. Belting bezieht sich auf eine vor zwanzig Jahren erschienene englische Übersetzung des arabischen Originaltexts. Er nähert sich dem Text also nicht als Philologe, sondern mit dem allgemeineren Interesse, eine arabische Theorie des Sehens von einer westlichen Theorie des Bilds abzugrenzen.

Vereinfacht gesprochen denkt Alhazen ein Bild nicht als Ausschnitt aus der Welt, der vor den Augen entsteht und gewissermaßen ein Faksimile der Dinge darstellt, sondern als mentale Tatsache, die "hinter" dem Auge entsteht. Hier richtet sich nicht der Blick auf die Dinge da draußen, hier empfängt das Auge die Lichtstrahlen von den Dingen, die sich im Geist zu einem flüchtigen Bild zusammensetzen. Entsprechend bringt Belting die Konstellation auf den Punkt: Im Osten (in der arabischen Welt des Mittelalters, im Islam, in der muslimischen Kultur - diese Begriffe verschwimmen notgedrungen, weil Belting auf einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Florenz und Bagdad hinauswill) steht das Licht im Zentrum, im Westen der Blick. Nur der Westen kennt also das Bild im konventionellen Sinn. Der Osten scheut davor zurück, weil die Nachahmung der Welt schon als Eingriff in die göttliche Schöpfung gesehen wird. Deswegen gibt es eine östliche "Ästhetik" , die Belting am Beispiel von Alhazen auf eine Formel bringt: "Licht und Farbe dominieren über Körper und Raum."

Die "mathematische Struktur der Schöpfung" findet ihre Formen in bestimmten "Inszenierungen des Lichts" . So beschreibt Belting, wie in Fenstergittern (Maschrabiyyas) eine Grenze zwischen Innenraum und Außenraum gezogen wird, die durchlässig ist für das Licht, nicht aber für den Blick. "Die Maschrabiyya zähmt den Blick und reinigt ihn durch ihre strenge Geometrie des Innenlichts von allen sinnlichen Bildern des Außenwelt." In Formulierungen wie dieser klingt verhalten noch ein Rest jener Idealisierung der östlichen Kultur und Ästhetik an, zu der deutsche Intellektuelle seit Goethe immer wieder neigen.

Belting geht es in seinem Buch nicht darum, eine Position gegenüber der anderen aufzurechnen. Er will in aller Unschuld nur Anregungen zu einem "Blickwechsel" geben. Er enthält sich aller Wertungen, und er ist auch zu sehr Medientheoretiker, als dass er die Konsequenzen des abendländischen Bilderverständnisses positiv oder negativ bewerten wollte, wenn er zum Beispiel in Piero della Francesca einen Vorläufer der Computerbilder erkennt: "So nimmt Piero digitale Verfahren vorweg, wenn er die körperliche Welt rigoros einer mathematischen Dekonstruktion unterwirft, nur um sie im körperlosen Medium der Malerei zuverlässig zu re-konstruieren. Heutige 3-D-Animationen gleichen in ihrer Intention - auch wenn sie in der Elektronik ein anderes, ebenso naturfernes Medium bedienen - den Messverfahren Pieros darin, dass sie die verschiedensten Naturformen körperähnlich simulieren." Aber bekommt vor dem Hintergrund der Digitalisierung nicht die Malerei erst recht selbst wieder einen Körper?

Hans Beltings Buch über Florenz und Bagdad wirft, wie so viele große Würfe, eine Menge Fragen auf. Sie resultieren aus den methodischen Schwierigkeiten, die sich eine Untersuchung dieser Art zwischen Naturwissenschaft und Ästhetik, zwischen Kulturanthropologie und Religionswissenschaft notwendigerweise einhandelt. Belting hat mit der Präsentation seines Materials so ausreichend zu tun, dass er für das Nachdenken über die Implikationen nicht mehr den nötigen Raum hat. Wir haben uns angewöhnt, den Begriff der Arabeske in einem allgemeineren Sinn zu verwenden, als er ursprünglich gemeint war. Der "geometrische Stil" , der in Bagdad um das Jahr 1000 entstanden ist und als "Arabeske" rezipiert wurde, zielte auf eine andere "Lesbarkeit der Welt" als die westliche Verdoppelung der Wirklichkeit.

Naiver Glauben

In der Moderne wurde das Ornament (die Arabeske) zu einer großen Streitfrage. Da ist es nicht ohne Interesse, dass schon die Zeitgenossen von Alhazen darüber in originellen Begriffen nachdachten. Sie verglichen das Ornament "mit einer Seife, welche die Kleider von Flecken reinigt, so wie das Sehen von allzu viel Sinnlichkeit und Augenlust durch Geometrie gereinigt werden sollte". Was uns also häufig als optisch überladen und visueller Luxus erscheint, ist tatsächlich eine Abstraktion, eine Herausforderung unseres naiven Glaubens, die Bilder würden einen realistischen Eindruck von der Welt geben.

Belting öffnet in Florenz und Bagdad einen kulturhistorischen Raum, in den sich die ganze Geschichte des europäischen Nachdenkens über das Subjekt eintragen lässt - am Ende steckt hinter der ganzen epochal gewordenen Bewirtschaftung des Augensinns eine große Ablenkung von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens? Viele gescheite Leute haben das immer schon geahnt, nun gibt es neue Hinweise aus dem Orient darauf, dass nicht jedes Panorama schon den Horizont erweitert. Vermutlich ist dies auch der tiefere Grund, warum Orhan Pamuk seinen Vergolder in einem Brunnen enden lässt.

Dort unten verengt sich der Blick in den Himmel nämlich auf einen starren, kreisrunden Ausschnitt, und solange niemand sich über den Rand bückt und hinunterruft, bleibt nur das sanfte Spektakel des Himmels und der Wolken - ein Bild von den größeren Zusammenhängen, das aber nicht sofort auf die Größenfantasien des Beobachters anrechenbar ist. (Bert Rebhandl, ALBUM/DER STANDARD, 30./31.08.2008)

  • Hans Belting, "Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks" . € 30,80/320 Seiten. C.H. Beck, München 2008
  • Hans Belting, "Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst" . € 41,-/770 Seiten. C.H. Beck, München 2004
  • Artikelbild
    cover: c. h. beck
Share if you care.