Ausbruch aus dem goldenen Käfig

29. August 2008, 16:29
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Johanna Awad-Geissler hat eine Romanbiografie über eine Frau geschrieben, die vor 1000 Jahren die politische Führung übernahm

Schicksale von Frauen im Nahen Osten beschäftigen Johanna Awad-Geissler schon seit langem. So verfasste die Wiener Autorin und Journalistin, die selbst acht Jahre in Ägypten verbracht hatte, eine Biografie von Safia Al-Souhail, einer irakischen Friedenspolitikerin in den Kriegswirren unserer Zeit (Safia. Meine Hoffnung ist unser Volk, 2003).

Für ihr darauffolgendes Buch wandte sie sich einer sehr viel früheren Epoche zu, blieb aber in der Region. Die war um das Jahr 1000 noch niemandes "Osten", sondern galt als Zentrum der Welt. Damals kam ebenfalls eine Frau zu politischem Einfluss, zu ungleich höherem sogar, und Awad-Geissler wollte, wie sie sagt, ihr Leben über die arabische Welt und die Zirkel der Orientalisten hinaus bekannt machen: Sitt Al-Mulk, genannt die Schattenkalifin.

Das Wenige, das über die Prinzessin aus der Dynastie der Fatimiden bekannt ist, reichte aus, um einiges am gängigen Bild der arabisch-islamischen Welt zurechtzurücken. Hier war eine Frau, die einerseits gegen die Intrigen ihrer Familie zu kämpfen hatte, andererseits indirekt - im Schatten - und doch sehr bestimmt die politische Führung in einer Zeit übernahm, als das Byzantinische Reich dem Kalifat die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer streitig machte.

Eine Karte veranschaulicht das damalige Kräfteverhältnis: Neben den genannten Herrschaftsgebieten und dem Kalifat der Omaijaden, das bis Spanien reichte, nahmen sich das Französische und das Heilige Römische Reich fast bescheiden aus.

Um die Fakten von Sitts Lebenslauf und die makropolitische Situation rankt die Autorin eine "biographie romancée". Sie bettet die Kalifin in einen opulenten, detailreich geschilderten orientalischen Alltag ein, schildert das Leben in Al-Kahira (Kairo), die Riten in einem Harem und die Fährnisse von Reisen durch die damalige Welt. Und erst recht von Fluchten: Aus ihrem eigenen Palast, in dem sie als Schwester des zum Kalifen ausgerufenen elfjährigen Al-Hakim wie in einem goldenen Käfig gehalten wird, bricht sie aus, nur um erneut festgesetzt zu werden.

Weg in die Unabhängigkeit

Das aber ist erst der Beginn eines langen Kampfes um (weibliche) Unabhängigkeit und Anerkennung. Auf diesem Weg begegnen ihr christliche Riten und Rauschmittelrituale, sie erlebt die Grausamkeit von Tötungen aus "dynastischen" Gründen und die raffinierte Kameralistik der Machthaber bis zu ihrem eigenen schnellen Tod.

Geissler erweitert den Roman um historisch zwar nicht verbürgtes, aber gut mögliches Personal. Dadurch gerät er stellenweise zu Anschauungsmaterial, der die muselmanische Welt in einer Zeit, als sie bis an den Atlantik und ans Schwarze Meer reichte, besser verstehen lässt. Das mag Längen haben, insbesondere wann man als Leser sich in den Aufzählungen des materiellen Reichtums der damaligen arabischen Kultur zu verlieren droht. Genau das kann aber Absicht sein, und jedenfalls spürt man die Nähe und die Hingabe der Autorin zum Thema. Die Schattenkalifin, letztes Jahr erschienen, kommt dieser Tage in einer leicht geänderten Form neu heraus. (Michael Freund, ALBUM/DER STANDARD, 30./31.08.2008)

Johanna Awad-Geissler, "Die Schattenkalifin". € 10,95/639 Seiten. Weltbild, Augsburg 2008

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