Vergangenheitsmäßig

29. August 2008, 16:27
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Die Selbstbespiegelung in Günter Grass' neuem Buch "Die Box" geht literarisch daneben - Auch die acht Kinder des Autors kommen zu Wort

"Weiß wirklich nicht" , sagt eine Figur, "wissen wir alle nicht, wie er das jedes Mal hingekriegt hat: ein Bestseller nach dem anderen, gleich was die Zeitungsfritzen darüber zu meckern hatten." Nachdem Günter Grass Beim Häuten der Zwiebel seine Erinnerungen an die früheren Jahre aufgeschält hat, spielt er nun die Besichtigung der mittleren Jahre in Die Box an die Bande der Nachkommen. In neun Gesprächs-Treffen-Kapiteln arrangiert Grass die "Dunkelkammergeschichten" , die er im Märchenton einsetzt: "Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen" - da müssen sie um ein Mikrofon sitzen und ihre Vergangenheiten mit Blick auf "Väterchen" bereden. Ein Leitmotiv ist eine alte Agfa-Kamera, die wundersam den Krieg überstanden hat. Diese Box gehört Mariechen, der getreuen Fotodienerin aus Masuren, und vermag auf magische Weise Bilder von fernen Zeiten, von Verblichenem und Künftigem zu liefern. Geheime Wünsche holt sie aus ihrem Entwicklungsbad ans Licht und dem Dichter liefert sie das Anschauungsmaterial für seine Bücher, von den Hundejahren bis zur Rättin.

Das ist der einzige, wenig originelle Einfall, den Grass hier zu bieten hat. Die Wunderbox scheint nunmehr außer Betrieb, unter des großen Alten Regie schwätzen die Kinder. Ihr Gerede folgt gewöhnlichen Erinnerungen vor dem gelegentlich simpel angesprochenen deutschen Hintergrund: Spiele und Umzüge, Kettenkarussell, Urlaube und Speisepläne. Der berühmte Vater tritt für die SPD auf und kauft sich Häuser, sitzt unterm Dach und schreibt und zeichnet.

Ähnlicher Duktus

Selbstgerecht ordnet er an, "mein Vati, der über Geschichte absolut Bescheid wusste" und "extreme Geschichten erzählte" . Lauter Lügengeschichten seien es gewesen, bemüht Grass den literarischen Trick, der betont, dass ja alles eher der Einbildungs- als der Abbildungskraft entspringe, somit jedenfalls Fiktion sei. Grass setzt sich selbst zu oberflächlicher Kenntlichkeit zusammen, die Fotografin Mariechen hat bei Bedarf zur Stelle zu sein und kein Eigenleben, sondern Abbildungsfunktion, den erwachsenen Kindern schreibt er kaum erkennbare Charaktere zu. Es klingt, als seien alle derselbe - trotz der einfachen Erkenntnis, die zwischendurch eine Relativierung anführt: "Jeder erzählt anderes." Die Dialoge wollen zwar bisweilen das Durcheinander der Familienverhältnisse spiegeln, jedoch steht alles im gleichen Duktus, der Mündlichkeit mimt.
Es sollen acht Stimmen aufgenommen sein; zu lesen ist allerdings nur eine. Die Sätze sparen oft das Subjekt aus, beginnen mit einem Verb, umgangssprachliche Verschleifungen und gängige Phrasen bilden eine falsche Fassade der Oralität, häufige "jedenfalls" signalisieren Erzählantriebe. Besonders angetan hat es dem Unisono ein modisches "mäßig": Väterchen beherrsche "rein turnermäßig" den Felgaufschwung, musste ab und zu "rein distanzmäßig" vom Schreiben weg, man habe "sich dorfmäßig ganz gut eingelebt" . "Ist nun mal so mit unserem Väterchen", heißt es, "lebt rein vergangenheitsmäßig".

Dieser Papa gibt an, den "Ausdruck gemildert oder zugespitzt" zu haben. Seine Prosa aber ist schludrig, es mangelt ihr an Präzision. So berichtet sie von einem Gelände, "das von mehr oder weniger alternativ lebenden Grünen bewohnt sein mag" , von Brüdern, die "bemüht sein" werden, "den Fortgang ihrer Kindheitsgeschichte voranzutreiben" . Neben ein paar merkwürdigen Episoden liefert diese Stimme eher Belanglosigkeiten. Es herrschen die Behauptungen, es wird referiert, nicht beschrieben. Wegen der mangelhaften Konturierung der Charaktere bleiben einige Passagen nebulos: "Denn Josch machte seine Lehre in Köln, schrieb nicht mal ne Postkarte, war wie verschollen. Und Pat hat sich nur um seine Sonja gekümmert. Ja, und dann war, wie gesagt, Taddel weg".

In den Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, geben wir uns kaum je die schlechte Rolle. Grass freilich lässt seine Kinder zum Vaterlob antreten. Im Ausland solle er "immer noch echt beliebt sein überall, sogar bei den Chinesen" , setzt er mit ihnen gegen die heimischen "Zeitungsfritzen" , die bei jedem Buch, mit dem er sich "was abarbeitet" , "über ihn herfielen".

Einem ansprechenden literarischen Projekt steht Grass selbst im Weg. Statt einer Nachkommenschaft Stimmen zu verleihen, trimmt er sie auf das Ego eines Alten hin. Das kurze Aufbegehren der Figuren - "lass uns da raus", rufen einmal Söhne und Töchter - unterwirft er seinem Begehren. So bleibt die Erzählung an den Oberflächen, obwohl sie mit dem Titelmotiv Hintergründiges anzupeilen vorgibt. Zum Schluss fährt Mariechen auch noch in den Himmel auf, und Grass stellt in Aussicht, die sechzehn Enkel mögen "erzählen, wie sich die Story weiterentwickelt hat, als Mariechen tot war" , wie es "zukunftsmäßig weitergeht" . Das klingt am Ende dieses Buchs nach literarischer Drohung. (Klaus Zeyringer, ALBUM/DER STANDARD, 30./31.08.2008



 

Günter Grass, "Die Box. Dunkelkammergeschichten" . € 18,50/211 Seiten. Steidl, Göttingen 2008

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    "Knips mal, Mariechen": In Günter Grass' neuem Buch schreiben die Box und der Schriftsteller ihre wahren und Dunkelkammergeschichten.

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