der schönste Tag der Woche: Politik des Brunftschreis

29. August 2008, 16:10
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Werfen wir kurz einmal die Zeitmaschine an und begeben uns ins Studienjahr 1975/76, als an der Linzer Uni Flugblätter verteilt wurden

Werfen wir kurz einmal die Zeitmaschine an und begeben uns ins Studienjahr 1975/76, als an der Uni Linz ein Flugblatt mit folgendem Text verteilt wurde:

"Die soziale Situation großer Teile der Bevölkerung wird durch sich ständig verschlechternde Lebensbedingungen gekennzeichnet. Doppelt so rasch steigenden Lebenshaltungskosten stehen immer geringere Löhne und Stipendien gegenüber.

Daher fordern wir:

1. Stärkere Besteuerung der hohen Einkommen.

2. Umschichtung vom Heeres- zum Bildungsbudget.

3. Eintreibung der hohen Steuerschulden der Unternehmer." Und jetzt raten Sie einmal, wer für den Inhalt dieses Flugblatts verantwortlich war: Falsch, es war nicht KPÖ-Vorsitzender Mirko Messner, sondern ÖVP-Vizekanzler Willi "Es reicht" Molterer. Wäre Molterer seiner - durchaus edlen - Gesinnung treu geblieben, gäbe es keine Neuwahlen und wir könnten uns unterhaltsameren Dingen zuwenden. Wie z. B. der ersten Brunftschrei-Olympiade, die an diesem Wochenende in Bad Goisern stattfindet.

Dabei gilt es, drei Stadien des rufenden Hirsches darzustellen: Den suchenden Hirschbock zu Beginn der Brunft; den Hirsch im Rudel sowie den Kampfruf, wenn der Hirsch um sein Rudel kämpft. Im Grunde machen Hirsche also nichts anderes, als Politiker vor Wahlen. So gesehen wäre es einfacher - und billiger -, wenn sich Faymann, Molterer, Van der Bellen, Strache und Haider schnurstracks nach Bad Goisern begäben, um dort die Brunftschrei-Olympiade unter sich auszutragen. Im Gegensatz zu Peking gäbe es auf jeden Fall eine Goldmedaille für einen Österreicher, worüber sich das ganze Land narrisch freuen würde. A propos Peking: Eine Goldmedaille für die beste Ausrede hätte sich der österreichische Radfahrer Thomas Rohregger verdient, der beim Straßenrennen den 39. Rang belegte und daraufhin meinte: "Ein gutes Rennen. Viel hat nicht gefehlt." Der Mann sollte in die Politik gehen, dort braucht man Leute mit gesundem Optimismus.

Uns bleiben aber nur die wenig tröstenden Worte Winston Churchills, der einmal sagte: "Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie längst verboten." Nach der Wahl kann sich Molterer zumindest von Peter Maffay, dem wir sehr herzlich zu seinem 59. Geburtstag am 30. August gratulieren, trösten lassen: "Über sieben Brücken mußt du gehn, / sieben dunkle Jahre überstehn." (Kurt Palm, ALBUM/DER STANDARD, 30./31.08.2008)

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    foto: michaela mandl
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