Das Feindbild trägt Fell

29. August 2008, 20:27
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Problemlösung am liebesten per Segregation: Der krampfige Umgang mit Hundekot sagt viel über unsere Gesellschaft aus.

Es müssen riesige Mengen sein, gewaltige Haufen, Schritt auf Tritt, allüberall. Die Hundstrümmerl von Wien sind ein Thema. Eine Endlosschleife von einem Thema.

Vor allem für jene, die Wien noch nie verlassen haben, gilt die Bundeshauptstadt als "Welthauptstadt der Hundstrümmerl". Alle, die sich über die Hundstrümmerl-Malaise mokieren, dürfen mit dem Applaus der Mehrheit rechnen. Da unterscheiden sich die Grünen nicht von den Roten, die Schwarzen nicht von den Blauen. Wer gegen Hundstrümmerl wettert ist nie allein. Hundstrümmerl sind ein gefahrlos mehrheitsfähiges Thema.

An Argumenten mangelt es nicht. Die Wiener Ärztekammer erklärt, dass Hundekot im "schlimmsten Fall zu Lebervergrößerung und Erblindung" führen kann, laut Umfragen halten mehr als sechzig Prozent der Wienerinnen und Wiener die "Hundekotproblematik" für "sehr relevant", Zeitungen berichten, dass man auf dem Weg zur Arbeit an einer "ekelerregenden Armada an Hundstrümmerln" und an "meterlangen braunen Streifen" auf dem Asphalt vorbei zu ziehen habe. Vielschreibende Kolumnistinnen bringen, seit sie die Freuden der Mutterschaft entdeckt haben, wütend ihre Kinder in Anschlag und benutzen sie, als ob noch niemand vor ihnen Kinder großgezogen hätte, als Argumentationsgeschosse. Wer für Kinder ist, ist gegen Hunde, und wer für Kinder ist und welche hat, hat immer recht. Besondere Verdienste hat sich 2007 die "Initiative Eltern gegen Hundekot" erworben. Eine Handvoll Mütter sammelte nahezu 160.000 Unterschriften und erledigte damit das Geschäft der bis dahin eher zögerlichen Stadtverwaltung, um Kinder vor Hundekot zu schützen.

Von Paul Watzlawick stammt die Geschichte einer alten Frau, die ein Haus am Fluss bewohnt. Eines Tages sieht sie, unmittelbar vor ihrem Haus, ein paar Buben nackt im Flusse baden. Sie fühlt sich in ihrem sittlichen Empfinden verletzt und ruft die Polizei. Die Cops fordern die Übeltäter auf, ein Stück weiter flussaufwärts zu ziehen. Bald darauf klingelt das Telefon der Polizeistube erneut. Sie könne, klagt die alte Dame, die Buben in ihrer Nacktheit noch immer sehen. Nachdem die Beamten die Buben aufgefordert hatten, sich doch hinter die Biegung des Flusses zurückzuziehen, ruft die aufgebrachte Dame abermals an, um sich zu beschweren. Auf den Einwand der genervten Cops, nun könne sie die Buben von ihrem Haus aus unmöglich mehr sehen, erklärt die Lady, dass sie, wenn sie mit dem Fernglas aus der Dachluke die Biegung des Flusses absuche, sie durch die Büsche hindurch immer noch nackte Knabenkörper erspähen könne. Das Beispiel, ich weiß, ist ein wenig unfair. Unterstellt es doch, dass, dem klassischen Muster der Projektion folgend, gesehen wird, was gesehen werden will. Sei es um dem Bedürfnis nach Abgrenzung, Ausgrenzung oder nach Empörung Nahrung zu verschaffen.

Hunderttausende Schilder

Zugegeben, auch ich trete manchmal in Hundescheiße. Alle paar Jahre vielleicht. Und auch in mein Blickfeld geraten die Trümmerl manchmal. Mal zerfließt eines an der Gehsteigkante, gelegentlich verrottet ein Haufen zwischen parkenden Autos, immer wieder finden sich Reste auf Grünstreifen. Aber, soviel ist gewiss: Ich sehe deutlich weniger Hundescheiße in der Stadt als angeblich vorhanden.

Was ich aber sehe sind Schilder, viele Schilder. In Wien kommen neuerdings zu den hunderttausenden von Schildern, die das Leben und das Zusammenleben regeln, einige tausende hinzu. Sie stecken in jedem Quadratmeter Grünfläche, unter Bäumen und Bäumchen, zieren Blumenrabatte, lugen unter Büschen hervor und zeigen einen kleinen, niedlichen, unschuldigen Hund mit einem Schlappohr. Daneben ein stilisiertes Hundstrümmerl und der Satz: "36,- Sind dir Wurst?". Darunter folgt das hübsche Poem: "Nimm ein Sackerl für mein Gackerl. Sonst drohen bis zu 36,- (Euro) Strafe. Du hast es in der Hand. Bau keinen Mist." Sieht man einmal von der tiefenpsychologisch interpretierbaren Lust an der Verwendung von Fäkalsprache ab, und sieht man weiters davon ab, dass jede Aufforderung, das "Gackerl" in die "Hand" zu nehmen eine Aufforderung zur Selbsterniedrigung ist, markiert dieses Schildchen den endgültigen Sieg der Ordnung über die Unordnung, der Sauberkeit über den Schmutz, der Reinheit über die Unreinheit.

In Indien sind es die untersten Kasten, die die Scheiße einsammeln und verstopfte Kanäle mit bloßen Händen vom Dreck befreien. Wer würde da nicht protestieren? In Wien hat sich nun einhellig die Ansicht durchgesetzt, dass, wer einen Hund haben will, auch in die Scheiße langen muss. Öffentlich, gut einsehbar und vor einem zufriedenen Publikum. Wer einen Hund hält, wird zur Selbststigmatisierung durch "Sackerl" und Einweghandschuh gezwungen. Wem zu sehr graust, wird ein Vereisungsspray empfohlen. Neu an der neuen Mehrheitsmeinung ist, dass es nicht mehr nur um Gehsteige, öffentliche Plätze und verbautes Gebiet geht. Hunde dürfen nirgendwo mehr. Auch dort nicht mehr, wo ohnehin keines Menschen Fuß für gewöhnlich hintritt.

Wir wollen die Scheiße einfach nicht mehr sehen. Eine Haltung, die übrigens klar mit der Entwicklung von Wasserklosetts korreliert. Die neueren Modelle sind samt und sonders so konstruiert, dass das Exkrement sofort in den Abfluss entschlüpft. Unsere Gesellschaft verweigert den Blick auf die Ausscheidung, den Abfall, das Stinkende, den Müll. Sie verweigert den Blick auf die Alten, die Schwachen, die Kranken, die Irren. Sie produziert die hässlichen Seiten des Lebens zwar, aber sehen will man sie nicht.

Therapeutische Funktion

Vermutlich sind Autos nur deshalb gesellschaftsfähig, weil sie ihren Abfall, ihre Ausscheidungen, verpuffen. Autos scheißen zum Glück nicht, sie furzen. Gehen wir einmal davon aus, dass das Leben mit Tieren etwas Gutes sei. Es beruhigt, zwingt Menschen zur Bewegung in der frischen Luft. Tiere haben therapeutische Funktion. Katzen, Pferde, Hunde vermitteln Wärme und Sicherheit. Hunde können sich freuen wie kaum ein anderes Lebewesen. Sie sind eine hervorragende Investition. Sie geben mehr zurück als sie von uns kriegen. Sie sind lustig, launig und erstklassige Projektionsflächen für anthropozentristische Interpretationen aller Art. Hunde schützen vor Einsamkeit. Das loopartig vorgebrachte Argument, Hunde ja, aber nicht in der Stadt, zieht schon daher nicht, weil es am Land ohnehin Tiere gibt und die Gefahr der Vereinsamung in der Stadt virulenter ist als am Land.

Das Dumme ist nur: Sie defäkieren, die Viecher. Und sie scheißen nun einmal nicht in Wasserklosetts - und auch nicht in Katzenkistchen. Hunde brauchen Grünzonen. Möglichst wilde, olfaktorisch aufregende Flecken Welt. Kein Hund scheißt freiwillig auf einen Gehsteig, wenn sich's vermeiden lässt. Es sei denn, das Tier ist durch pervertierte Besitzer bereits derart in die Degeneration gezwungen, dass es die Notlösung für den Normalfall hält. Wenn man Ja zu Hunden sagt, muss man akzeptieren, dass Hunde fressen, verdauen, ausscheiden.

Allerdings hat Wien die "natürlichen" Hundeklosetts in einem jahrzehntelangen "Verschönerungsprozess" dramatisch reduziert. Es gibt keine Gstättn mehr, keinen Wildwuchs, kaum einen naturbelassenen Streifen Grün. Stattdessen gibt es Blumenrabatte, geometrisch choreografierte Tulpentruppen, Zäune, Einfriedungen, Abgrenzungen, Ausgrenzungen, Ordnung und System.

Gelegentlich, hinter Zäunen und Absperrungen, auch eine Hundezone. Nichts darf mehr mit Nichts in Berührung kommen. Die Generallösung gesellschaftlicher Probleme heißt Segregation. Der im achten Bezirk gelegene Hamerlingpark ist ein gutes Beispiel. Er gleicht einer Festung. Ein hoher Zaun schützt den Kinderspielplatz vor den ihn umgebenden, zwei Meter breiten Grünstreifen, ein zweiter Zaun, in Form eines Doppelrings, schützt den Grünstreifen nach außen hin vor den Hunden. Am Kopfende des Parks findet sich, wieder durch einen Zaun begrenzt, die Hundezone, wenige Quadratmeter nackter Boden, für einen Hund wohl so anregend wie für uns eine Gummizelle.

Segregation ist immer eine Lösung. Eine Scheinlösung, die kostet. Nicht nur Geld. Grenzen müssen beschützt werden und überwacht, Übertretungen sind zu ahnden. Segregation löst Probleme nicht, sie trennt bloß die konfligierenden Parteien. In Wien ziehen neuerdings "Waste-Watchers" ihre Runden und bestrafen jene, die den Kot ihres Hundes nicht entsorgen. Um die Dinge auseinander zu halten braucht man eben Energie. Im gesellschaftlichen Kontext: Ordnungssysteme, Kontrolle, Überwachung, Mahnung, Strafe.

Ein wenig erinnert die so genannte Lösung des so genannten Hundekotproblems an die sogenannte Lösung des sogenannten Raucher-Nichtraucherproblems. Auch Raucher stehen öffentlich am Pranger. Am Flughafen etwa sind sie in einer Koje aus Plexiglas zur Schau gestellt. Und auch anderswo kann man sich zu keinem generellen Rauchverbot entschließen, montiert aber still und heimlich die Aschenbecher ab. So ist das auch mit den Hunden: Nein, wir sind nicht gegen Hunde, aber die Scheiße, die schaffen wir ab! Eine ungesunde Lösung. Nicht nur für den Hund.

PS: Falls es der Argumentation dienlich ist: Ich habe und halte keinen Hund. Meine Frau und ich borgen uns allerdings manchmal einen aus. (Peter Klein, Der Standard Print-Ausgabe, 30./31.08.2008)

 

  • Städtischer Wächter über das Wiener Defäkationsgeschehen: "Wir wollen die Scheiße einfach nicht mehr sehen."
    pressefoto: votava/rathauskorrespondenz

    Städtischer Wächter über das Wiener Defäkationsgeschehen: "Wir wollen die Scheiße einfach nicht mehr sehen."

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