Buchtipp: Eine schrecklich normale Familie

29. August 2008, 11:50
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"Der Wagner Clan" von Jonathan Carr

Zwar sind im Sommer vor allem die Festspiele selbst der Grund, dass sich die Augen vieler Musikliebhaber auf Bayreuth richten. Aber nicht nur Opernfans verfolgen auch übers Jahr die Vorgänge rund um den Grünen Hügel mit brennendem Interesse. Die Konflikte innerhalb der Familie der Nachkommen Richard Wagners mögen zwar im Grunde oft schrecklich normal und trivial sein; aber wenn sie um die Festspiele und deren Leitung kreisen, sind sie zwangsläufig immer auch von öffentlichem Interesse. Die Art, in der sich die Familienmitglieder mitunter bekämpfen, ähnelt in der Tat der Handlung von manchem Wagner'schen Musikdrama, wo die Verwandtschafts- und sonstigen Beziehungen ja auch komplex sein können. Von der Dramatik der Realität wird die Kunst aber zuweilen noch überboten. Jonathan Carr erzählt die Geschichte der Familie Wagner fast bis in die unmittelbare Gegenwart. Besonders Interesse bringt er natürlich ihren dunklen Seiten entgegen und schildert detailliert die Rolle des britischen "Rassentheoretikers" Houston Stewart Chamberlain während der Zeit von Cosimas Festspielleitung sowie die Beziehung zwischen Adolf Hitler und Winifred Wagner, die sich diesbezüglich noch in den Siebzigerjahren völlig uneinsichtig zeigte.

Erst einen Tag vor Drucklegung der deutschen Übersetzung war öffentlich geworden, dass Wolfgang Wagner die Festspielleitung an seine Töchter Eva und Katharina weitergeben wolle; wenige Wochen danach ist der Buchautor, Helmut-Schmidt- und Gustav-Mahler-Biograph und langjährige Mitarbeiter der Financial Times, der fast vierzig Jahre lang selbst nach Bayreuth gepilgert war, verstorben. Im letzten Kapitel seines brillant geschriebenen Buches hat Carr der neuen Leitung, über die der Stiftungsrat der Festspiele am 1. September, kurz nach der überraschenden Bewerbung Nike Wagners mit Gerard Mortier, berät, schon eine Liste von Agenda mitgegeben - darunter eine Öffnung der Archive zur weiteren Erforschung der Familiengeschichte. Er selbst hat dazu jedenfalls einen wertvollen Beitrag geleistet. (Daniel Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 8. 2008)

  • Jonathan Carr: "Der Wagner Clan", Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, € 25,70 / 496 Seiten
    coverfoto: hoffmann und campe

    Jonathan Carr: "Der Wagner Clan", Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, € 25,70 / 496 Seiten

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