Erstes Opfer der Überfischung

28. August 2008, 21:05
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Eine bisher unbekannte Riesenmuschelart lebte in der Steinzeit im Roten Meer - dann wurde sie von Menschen dezimiert

Bremerhaven - Es wird leer in den Ozeanen unserer Erde. Ob Tunfische, Aale, Haie oder der früher in Millionenschwärmen umherziehende Kabeljau: Sie allen werden zunehmend Opfer des unstillbaren menschlichen Appetits. Zahlreiche Fischbestände sind bereits zusammengebrochen. Die Fischerei arbeitet offensichtlich hart daran, sich ihrer eigenen Existenzgrundlage zu berauben, und Hiobsbotschaften aus den Weltmeeren gehören zum Standardrepertoire der Nachrichten.

Der Trend scheint allerdings nicht ganz neu zu sein. An den wüstengesäumten Küsten des nördlichen Roten Meeres hat ein internationales Forscherteam Hinweise auf eine Frühform der heutigen Überfischung gefunden. Sie begann wohl vor rund 125.000 Jahren und dauert bis heute an.

Betroffen ist keine Fischart, sondern die Riesenmuschel Tridacna costata, eine Bewohnerin der flachen Riffgewässer des Golfes von Akaba, der Küste des Sinai und der ost-ägyptischen Küste bei Hurghada. Ihre oft mehr als 30 Zentimeter langen Schalen fanden die Experten auch in trocken gefallenen Korallenriffen aus der Prähistorie sowie in alten Abfallhalden. Das Verblüffende ist: Obwohl T. costata wahrscheinlich schon seit Urzeiten auf des Menschen Speiseplan steht, war die Spezies der Wissenschaft bislang unbekannt. "Dass sie in einem der bestuntersuchten Riff-Gebiete übersehen wurde, zeigt, wie gering das Wissen um die marine Biodiversität ist", schreiben die Entdecker in einer Internet-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift Current Biology.

Tridacna costata ist nah verwandt mit den Riesenmuscheln T. maxima und T. squamosa, welche auch im nördlichen Roten Meer vorkommen. Eine Analyse der mitochondrialen 16S rRNA-Gene zeigt jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Spezies. Eine weitere Besonderheit der T. costata liegt in ihrer Fortpflanzungsweise. Während die anderen Riesenmuscheln ihre dotterreichen Eier überwiegend im Sommer freisetzen, verfügt die neuentdeckte Spezies nur über kleine Eizellen ohne wesentliche Nahrungsreserven. Sie werden im Frühling zum Zeitpunkt der alljährlichen Phytoplankton-Blüte dem Meerwasser übergeben.

Leichte Beute im Flachwasser

Was aber hat es mit der Überfischung von Tridacna costata auf sich? Die Art ist heute überaus selten und kommt nur in Wassertiefen bis zwei Metern vor. Durch Unterwasser-Beobachtungen ermittelte das Expertenteam eine durchschnittliche Populationsdichte von weniger als einem Exemplar pro tausend Quadratmeter. Im Vergleich zu den anderen Tridacna-Arten macht T. costata nur 0,6 Prozent der Gesamtpopulation an Riesenmuscheln im untersuchten Gebiet aus. Das war allerdings nicht immer so.

In Fossilienfunden aus vormenschlicher Zeit liegt der T.-costata-Anteil über 80 Prozent, danach nimmt ihre Häufigkeit stetig ab. Dasselbe gilt für die durchschnittliche Schalendicke, ein Maß für das Alter und das Gewicht der Muscheln. Selbstverständlich dürfe man natürliche Faktoren als Ursache für den Rückgang nicht komplett ausschließen, betonen die Wissenschafter, doch beide Phänomene gelten als klassische Anzeichen von Überfischung.

Da Homo sapiens bereits vor etwa 125.000 Jahren die Küsten des Roten Meeres besiedelte und schon damals eine ausgeprägte Vorliebe für Meeresfrüchte hatte (vgl. Nature, Bd. 405, S. 65), könnten unsere Vorfahren die ersten Populationseinbrüche der ausschließlich im Flachwasser lebenden und somit leicht zu erbeutenden T. costata verursacht haben. "Die Population steht unter weitaus größerem Fischereidruck als die beiden anderen Arten, die mit Individuen in größeren Wassertiefen dem Fischereidruck entgehen können", erklärt Studienleiter Claudio Richter vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die Spezies sollte dringend als "kritisch gefährdet" auf der Roten Liste der internationalen Naturschutzorganisation IUCN eingetragen werden. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. August 2008)

  • In seichten Gewässern des Roten Meeres hat es die Tridacna costata schwer. Der Bestand sank von 80 auf 0,6 Prozent der 
Riesenmuscheln.
    foto: foto: richter/cell current biology

    In seichten Gewässern des Roten Meeres hat es die Tridacna costata schwer. Der Bestand sank von 80 auf 0,6 Prozent der Riesenmuscheln.

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