Traum und Wirklichkeit

28. August 2008, 19:30
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US-Demokraten schreiben mit Obamas Nominierung Geschichte - und fürchten die Wahl

Ist allenthalben von einem "historischen Moment" die Rede, ist Skepsis angebracht. Doch dieses Mal, mit der Nominierung Barack Obamas zum ersten afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten einer großen Partei, muss selbst der misstrauischste Beobachter hinter all der ausladenden politischen Inszenierung eine Zäsur erkennen.

Hatte Martin Luther King noch den Traum von gleichberechtigter Teilhabe der Farbigen, macht Barack Obama diesen nun wahr. Wenn es ein herausragendes Beispiel für den unbegrenzbaren "American Dream" geben soll, dann ist es dieses: Ein junger schwarzer Aufsteiger aus Chicago hat die realistische Chance, es aus dem Nichts bis ins Weiße Haus zu schaffen.

Die historische Symbolik ist beispiellos: Obamas Auftritt in Denver war auf den 45. Jahrestag von Martin Luther Kings "I have a Dream"-Rede ausgerichtet. Die demokratischen Delegierten nominierten ihn einen Tag zuvor zum Kandidaten, am hundertsten Geburtstag von Präsident Lyndon B. Johnson, der ihm mit seiner Bürger- und Wahlrechtsgesetzgebung Mitte der 1960er-Jahre den Weg freigemacht hat - und, nur nebenbei, deswegen den Verlust der Südstaaten für die US-Demokraten auf Jahrzehnte in Kauf nahm. Der abtretende Kennedy-Clan gab die Fackel seiner Ikone, John F. Kennedy, auf diesem Parteitag an den neuen Hoffnungsträger der Demokraten weiter.

Mit all diesen Symbolen aber steigt der Erwartungsdruck auf Barack Obama enorm. Der selbstbewusste Senator lässt zwar schon seit einigen Wochen ein Team an ersten Gesetzen für seine Präsidentschaft arbeiten - er will die Fehler Bill Clintons in dessen ersten Monaten im Amt nicht wiederholen -, dazwischen muss der Traummann allerdings auch noch eine nicht ganz unbedeutende Realität schaffen: Er muss gewählt werden. Und das ist auch nach der gleißenden Inszenierung dieses Parteitages alles andere als einfach.

Hillary und vor allem Bill Clinton haben Obama in Denver unterstützt. Ihre Anhänger tun es weniger. Von den Top-300-Spendern der Hillary-Kampagne waren nur ein paar Dutzend in der Stadt anwesend, rechnete die New York Times vor. Die besten Spendeneintreiber der Clintons weigerten sich, zu Obama zu wechseln. Dessen Kampagne sei zuletzt weit unter den geplanten Einnahmen geblieben.

Ältere Frauen, eine Kernschicht der Demokraten, haben trotz aller Versöhnungsgesten noch schwer an der Enttäuschung zu kauen, dass es diesmal wieder keine der ihren geschafft hat. Bei ihnen, der Arbeiterschaft und anderen tragenden Säulen der Partei gibt es weiter Zweifel, ob Obama der richtige Mann ist. Die Demokraten mögen zwar einen traumhaften Kandidaten haben, dennoch fürchten sie die Wahl im November.

John McCain, der in dieser Woche so alt aussieht, wird ab Montag seinen großen Auftritt und entsprechende TV-Berichterstattung darüber haben. Die übergroße Statur Obamas wird sich relativieren. Ganz nebenbei haben die Republikaner, ganz im Stil der Schnellbootveteranen-Attacke auf John Kerry im Jahr 2004, TV-Spots geschaltet, die Obama in Verbindung mit einem amerikanischen Terroristen bringen. Davon ist noch mehr zu erwarten.

Und das ist erst der Anfang der Endphase eines harten Wahlkampfs, in dem Obama eine Mehrheit in einem strukturell konservativen Amerika finden muss. Die Frage, die die Amerikaner im November beantworten werden, ist: Reicht ein historischer Moment aus, um in Amerika eine andere Wirklichkeit zu schaffen? Nur wenn Obama gewählt wird, haben all die Symbole von heute auch eine Bedeutung. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2008)

 

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