Die Möglichkeit des Seins im permanenten Seinstaumel

28. August 2008, 19:25
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Hermann Nitsch feiert am Freitag seinen 70. Geburtstag - knapp vor Eröffnung eines zweiten ihm gewidmeten Museums

Wien - Nicht dass es ruhig geworden wäre um Hermann Nitsch. Im Gegenteil: Medial wie als Gast diverser Galaabende, Vernissagen und Weinverkostungen ist der Meister aus Prinzendorf präsent wie nie zuvor und genießt, dass die Aufregung verflogen ist, dass die wütenden Proteste, ihn und sein Werk betreffend, einem annähernd allgemeinen Wohlgefallen gewichen sind.

Kaum einer mehr macht seiner Kunst zum Vorwurf, destruktiv oder gar inhuman zu sein. Selbst Bischöfe verkneifen es sich, im Orgien-Mysterien-Theater mit seinen tagelangen Spielen und Malaktionen, in seiner dem Leben entlehnter Choreografie, Blasphemie zu erkennen. 50 Jahre nach der ersten Idee zu einem Festspiel, das als Gesamtkunstwerk den Einsatz sämtlicher Sinne aller Teilnehmer fordert, ist der Gang nach Prinzendorf ins Brauchtum eingegangen.

Kein Pfingsten mehr, ohne dabei an jene Intensität zu denken, mit der er Daseins- wie Erlösungstechniken propagierte, mit unzähligen Relikten einen Weg vorgab, von einer ersten Aktion im muffigen Nachkriegswien 1962 über das die Kunst des 20. Jahrhunderts so prägende Londoner Destruction Art Symposion 1966 (wir schreiben schon die 20. Aktion!) hin zum Höhepunkt, zum Sechs-Tage-Spiel in Prinzendorf im Sommer 1998.

Und weiter (und damit zurück nach London) zum Sammler Saatchi. Und weiter nach Mistelbach: Dort wurde dem Meister ein Langhaus errichtet, ein Sakralbau zur Vermittlung seines Exzesses der Sinne. Ein wunderschön arrangiertes Materialienlager zur Möglichkeit des Seins im permanenten Seinstaumel - ein begehbarer Schrein, in dem alles Denken, Schreiben, Komponieren und Schütten, das Grübeln wie die Freude, der Schmerz und die Liebe des Hermann Nitsch zur Klimax gefunden haben. In Mistelbach wird alles deutlich: die Schritte, die nötig sind, ehe einer Partitur Relikte entspringen; der Weg von der Schrift zum Schüttbild - hier finden die abgebrauchten Werkzeuge zur Ruhe, hier lagern Ingredienzien neben Ritualbesteck. Und hier auch kleiden Farben, also hoffnungsfrohe Bilder der letzten Jahre, die Wände. Hier, wo 1998 noch das gesunde Volksempfinden gegen ihn in Stellung gebracht wurde, zeigt sich das Ausufern gefasst.

Hier wird Nitsch sicher auch ein Geburtstagsbad im Blumenmeer nehmen, Glückwünsche der Honoratioren entgegennehmen und anschließend bei Wein und Blasmusik vom Rausch in ein meditatives Adagio übergehen - und an Neapel denken, die intensivste aller Städte. Dort verdichten sich die Feierlichkeiten zum Jubiläum des Meisters, dort wird Mitte September das zweite der Hermann-Nitsch-Museen eröffnet. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.8.2008)

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    Sinnenmensch mit Dependance: Hermann Nitsch im Museum in Neapel.

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