"Politiker sollen Kindern ausgesetzt werden"

28. August 2008, 19:01
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Der Beauftragte für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen, Paulo Sérgio Pinheiro, fordert anlässlich seines Besuchs bei der Menschenrechtskonferenz in Wien Kinder-Räte in jedem Ministerium

Wien - "Bei Politikern sollte man wie im Fußball mit Manndeckung arbeiten und jedem Politiker einen jungen Menschen zur Seite stellen. Politiker sollten Kindern ausgesetzt werden. Für jedes Ministerium sollte ein eigener Kinder-Rat geschaffen werden. Wenn Sie einen neuen Bundeskanzler haben, organisieren Sie bitte sofort ein Treffen zwischen ihm und Jugendlichen", sagt der UN-Menschenrechtsbeauftragte Paulo Sérgio Pinheiro zum Standard.

Pinheiro war am Donnerstag zur Eröffnungssitzung der Internationalen Expertenkonferenz über Menschenrechte in Wien gekommen, die anlässlich des 15-jährigen Jubiläums der Wiener Weltkonferenz über Menschenrechte im Jahr 1993 sowie des 60. Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stattfindet.

Der brasilianische Professor Pinheiro arbeitete drei Jahre lang an der UN-Studie zu "Gewalt gegen Kinder und Jugendliche". Nach 45 Länderbesuchen und Gesprächen mit dreihundert Jugendlichen resümiert er: "Das Beeindruckendste war die Beteiligung der Jugendlichen, sie haben uns gesagt, wo die Probleme liegen und unsere Empfehlungen überarbeitet. Normalerweise werden Kinder doch nur als Zierde zu Konferenzen eingeladen, wie Blumenschmuck."

Zur in Österreich heftig diskutierten generellen Anzeigepflicht sagt Pinheiro, dass grundsätzlich jeder Übergriff gegen Kinder dokumentiert werden sollte, nämlich von speziell geschulten Menschen. Der Staat müsse Verantwortung übernehmen. Einen Schwerpunkt sieht der dreifache Vater aber ohne Zweifel in der Elternbildung: "Auf alles im Leben wirst du vorbereitet, geschult und trainiert. Nur nicht auf das Elternwerden. Eltern sind heutzutage überlastet und lassen ihre Aggressionen an den Kindern aus."

Der dänische Direktor der EU-Agentur für Grundrechte, Morten Kjaerum lobte bei der Konferenz den Ausbau der lokalen Menschenrechtsinstitutionen: "1990 gab es global gesehen nur fünf nationale Menschenrechtsinstitutionen. Heute gibt es mehr als 100."

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon (per Videobotschaft) und der österreichische Staatssekretär Hans Winkler betonten die Fortschritte, die seit der Weltkonferenz 1993 erreicht wurden. So sei die Menschenrechtsmaschinerie der UNO reformiert worden. Auch der Grundstein für das Amt des Hochkommissars für Menschenrechte sei gelegt worden.

Der UNO-Sonderberater zur Verhütung von Völkermord, Francis Deng, sprach hingegen von einer "bedeutenden Kluft" zwischen den "normativen" Fortschritten und der Praxis. (Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2008)

 

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