Die Schönheit der anderen Seite

28. August 2008, 19:02
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Drei von Linda Wolfsgruber gezeichnete Kinderbücher wurden für den Österreichischen Kinder- und Jugendbuch-Preis nominiert. Doch ihr Werk hat viele verborgene Gesichter

Wien - Wenn man Finn heißt und auf der Landkarte einen Flecken entdeckt namens Finnland, ist das keine Kleinigkeit. Ein Land, in dem die Brote wahrscheinlich nach Erdbeeren schmecken, ein Land, in dem wahrscheinlich die Bäume sich höflich vor den Bären verbeugen, wenn diese vorübergehen. Stellt sich nur eine wichtige Frage: "Wie eng ist eigentlich England?"

In wenigen Tagen, genau am 10. September, wird Finns Land von Heinz Janisch (Text) mit Linda Wolfsgrubers Illustrationen im Münchner Hanser Verlag erscheinen. Wobei Illustrationen ein Wort ist, das Wolfsgrubers gestalterische Bildwelten reichlich verfehlt.

Die 1961 in Bruneck geborene Südtirolerin, die seit 15 Jahren in Wien lebt und arbeitet, illustriert die Texte der von ihr gezeichneten Bilderbücher eben gerade nicht. "Ich bringe meine eigene Welt logischerweise hinein - zum Text. Ich wiederhole nicht das, was im Text gesagt wird, sondern schaffe eine parallele Welt. Und ab und zu berühren sich Text und Bilder mehr - und manchmal sind sie weit auseinander und kreieren damit ein neues Gesamtes. So verstehe ich das Konzept Bilderbuch."

Studieren lässt sich dieses Zusammentreffen zweier Welten etwa in dem Bildband, den Linda Wolfsgruber zu Hans Christian Andersens kurzer Erzählung vom Halskragen gestaltete (Der Halskragen. Ein Skizzenbuch. Bibliothek der Provinz). Pottwale, Käfer und Fische schwimmen quer durch die Seiten, Monster und wackelnde Köpfe. Welten, die man im Text, der nur in einer Zeile am Boden der Blätter entlangläuft, vergeblich sucht. Eine mögliche Antwort findet sich am Ende der Erzählung. Dort verwandelt sich der prahlerische Halskragen, wie andere Kleidungsstücke als Lumpen aussortiert, in Papier. Er "wurde gerade das Stück Papier, was wir hier sehen, worauf die Geschichte gedruckt ist" - und von Linda Wolfsgruber mit einem Universum beschenkt, das sie aus ihrer Schublade zog.

Die Kinderbücher aber, für die sie Jahr für Jahr mit diversen Preisen ausgezeichnet wird - allein 2008 fanden sich drei davon auf der Liste für den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis -, sind nur ein Teil ihres umfangreichen Werks.

Für den Wiener Mandelbaum Verlag entwirft sie Kochbuch-Cover und der Welt schönste Hörbuch-Hüllen (die Radiergummidruck-Kamele auf dieser Seite etwa durchqueren das Innere von Elias Canettis Die Stimmen von Marrakesch, gelesen von Anne Bennent zu Musik von Otto Lechner & Ensemble).

Zunehmend rätselhafter verhüllt sich Linda Wolfsgrubers Kunst, je mehr man sich ihr nähert. Entzieht sich dem zudringlichen, schnellen Blick. Zart bis an die Grenze zur Unsichtbarkeit sind viele ihrer Zeichnungen. Aus dem Iran, wo sie ein Jahr lang lebte, brachte sie ein Buch mit, in dem sie die Hüllen zeichnete, die das Haar persischer Frauen verdecken: den Tschador, den Kopfschleier, die Augenmasken, die die Augenbrauen verbergen - und Slips.

Die Schleier versah sie mit feinsten Stickereien, deren dem Blick entzogenes Innenleben - die andere Seite - sie in der ihnen eigenen Schönheit im Buch ebenso zeigt wie andere Verborgenheiten. Neben die Abbildungen stellte sie Liebesgedichte der rebellischen persischen Lyrikerin und Filmemacherin Forugh Farrochsâd (1935-1967) und Texte aus persischen Mythen, wie jenen vom Wunder der fliegenden Schildkröte aus Humayun-Nameh: Ein Entenpaar will einen Teich, der allmählich austrocknet, verlassen. Da die beiden Enten sich nicht von der Schildkröte trennen können, die wie sie hier am Teich wohnt, benutzen sie einen Zweig, um die Schildkröte mit sich mitzuführen. (Der Vogel ist sterblich, Bibliothek der Provinz. Die Originale werden im Herbst in Graz ausgestellt werden, im dortigen Museum der Wahrnehmung.)

Noch ein weiteres Buch entwickelte sich aus dem Jahr im Iran: Gemeinsam mit zwölf Illustratorinnen, die sie in Teheran unterrichtete, schrieb und zeichnete Linda Wolfsgruber ein Kochbuch mit persischen Rezepten (Pistazien und Rosenduft. Mandelbaum Verlag). Und ein Kinderbuch erscheint im Frühjahr bei Jungbrunnen: Daisy ist ein Gänseblümchen. Denn seit Linda Wolfsgruber aufgefallen war, dass viele persische Frauen wie Blumen heißen, sammelte sie Frauenblumennamen aus anderen Ländern.

Am Montag erschien eine CD des Musikers Peter Rosmanith, Schneesand, mit einem Wolfsgruber-Cover - und in wenigen Wochen, am 25. September, wird in der Apostelgasse 23 im dritten Bezirk bei der Firma Agitas Linda Wolfsgrubers Ausstellung Raum und Bewegung mit einer Performance der Tanzwerkstatt Wien und einem Auftritt von Peter Rosmanith eröffnet. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.8.2008)

Linda Wolfsgruber: Bücher
- Der Vogel ist sterblich Bibliothek der Provinz, 100 Seiten, 24 €
- Das Meer ist riesengroß Mit Inge Fasan. Bibliothek der Provinz 20 €
- Der Halskragen Bibliothek der Provinz, 20 €
- Pistazien und Rosenduft Mandelbaum Verlag, 248 Seiten, 19,90 €
- Die Stimmen von Marrakesch Canetti/Bennent/Lechner. Hörbuch, Mandelbaum Verlag, 22,90

  • Das Verborgene zeigen - doch zart bis zur Unsichtbarkeit: Stickereien und ihre fragile Rückseite auf dem Buchcover zu "Der Vogel ist sterblich" von Linda Wolfsgruber
    foto: bibliothek der provinz/newald

    Das Verborgene zeigen - doch zart bis zur Unsichtbarkeit: Stickereien und ihre fragile Rückseite auf dem Buchcover zu "Der Vogel ist sterblich" von Linda Wolfsgruber

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