Deutschland sucht die Super-Einwanderer

28. August 2008, 18:50
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Deutschland ist längst ein Einwanderungsland - Doch die Politiker sind wählerisch

Sie möchten vor allem die qualifizierten und gebildeten Einwanderer ins Land holen. Den anderen stellt man Hürden auf.

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Nare Yesilyurt-Karakurt kann es auch heute manchmal noch nicht fassen. "Ja, ich habe wirklich Karriere gemacht", sagt die Türkin, in deren Berliner Büro das Telefon pausenlos klingelt. Als Dreijährige kam sie in den Siebzigerjahren nach Berlin, ihre Mutter ist heute noch Analphabetin. Doch Yesilyurt-Karakurt wollte für sich ein anderes Leben, eines abseits vieler traditioneller Vorstellungen. Hauptschule, Abendschule, Studium, Heirat, zwei Töchter, Scheidung, Chefin - so lauten ihre Lebensstationen. Vor einigen Jahren gründete die 40-Jährige den ersten Pflegedienst für Migranten in Berlin, heute beschäftigt sie 200 Pfleger und Pflegerinnen.

Somit ist Yesilyurt-Karakurt der Traum vieler deutscher Politiker: Sie sorgt erfolgreich für sich selbst und ihre Familie, schafft Arbeitsplätze und trägt zum besseren Verständnis zwischen den Kulturen bei. Denn ihr Pflegedienst Deta-Med geht auf kulturspezifische Bedürfnisse von Migranten ein, etwa darauf, dass vielen bettlägrigen Muslimen ihr Reinigungsritual nach wie vor wichtig ist. Also werden sie mit fließendem Wasser gewaschen, nicht mit Wasser aus der Reinigungsschüssel.

Zinslose Kredite

Bei der Vergabe von Arbeitsplätzen hat Yesilyurt-Karakurt einen speziellen Ehrenkodex: "Ich stelle bevorzugt Alleinerziehende ein." Und wenn sich eine Frau von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen will, dann gibt es von der Chefin einen zinslosen Kredit für neue Möbel. Denn Yesilyurt-Karakurt ist überzeugt: "Unabhängigkeit ist das wichtigste überhaupt."

Zwar gibt es in Deutschland immer mehr solcher Lebenswege, doch die Regel sind sie längst noch nicht. Im Gegenteil: Laut Bundesamt für Migration haben die Türken unter allen Einwanderern die geringste Bildung - 61 Prozent verfügen nur über einen Volksschulabschluss. Dass sich schlechte Berufschancen somit von einer Generation auf die nächste fortpflanzen, wurde jahrzehntelang verdrängt.

Gebildete dürfen kommen

Erst seit den Neunzigerjahren steuert Deutschland die Zuwanderung und zeigt dabei klare Präferenzen: Wer gebildet ist, darf kommen. Gerade wurde jedoch die Einkommensgrenze für Fachkräfte gesenkt.

Gegenüber unqualifizierten Ausländern wird der Arbeitsmarkt jedoch weiterhin abgeschottet. Sie dürfen erst 2011 ins Land kommen, nicht 2009, wie ursprünglich geplant. Langjährige geduldete Ausländer dürfen nur bleiben wenn sie sich eine Arbeit suchen. Auch beim Familiennachzug schaut Deutschland nun strenger hin: Die Altersgrenze wurde von 16 auf 18 Jahre angehoben. So will man Zwangsverheiratungen von Minderjährigen einen Riegel vorschieben.

Mehr als früher sind nun Sprachkenntnisse von Bedeutung - nach dem Motto: Wer kommt, muss die deutsche Sprache beherrschen. Das Bundesamt für Migration bietet im Zusammenarbeit mit Volkshochschulen Sprach- und Integrationskurse für einen Euro pro Stunde. Dazu gezwungen wird niemand. Wer aber keinen Job bekommt, weil er kein Deutsch kann, dem wird die finanzielle Hilfe gekürzt. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2008)

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