"Unsoziale Geldverschwendung"

28. August 2008, 18:13
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Christoph Badelt, WU-Rektor und Chef der Universitätenkonferenz, erklärt im STANDARD-Interview, warum die SPÖ Ja zur Studiengebühr und die ÖVP Ja zur Gesamtschule sagen sollte

STANDARD: SPÖ-Chef Werner Faymann will die Studiengebühren abschaffen und verspricht, den Unis das fehlende Geld zu ersetzen. Sie reagierten „not amused". Warum?

Badelt: Es ist nicht einmal ein Jahr her, dass das Parlament einstimmig, also auch mit Stimmen der SPÖ, formuliert hat, der Hochschulbereich soll bis 2020 zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bekommen. Das war eine historische Ansage, weil es erstmals ein klarer politischer Plan war, die Unis endlich aus der Unterfinanzierung zu führen. Nur kostet das schon sehr viel.

STANDARD: Wie viel müsste ein Kanzler Faymann lockermachen?

Badelt: Die Umsetzung des Versprechens im Parlament erfordert 2010 mindestens 380 Millionen Plus zum Uni-Budget von 2,2 Milliarden Euro, im Durchschnitt der nächsten Jahre wären es mehr als 600 Millionen. Das würde den Unis erlauben, im naturwissenschaftlichen Bereich die Infrastruktur zu verbessern, im bücherwissenschaftlichen Bereich die Betreuungsverhältnisse zu verbessern und endlich seriöse Bedingungen herzustellen. Und jetzt erkläre man mir, wie man darauf noch die 150 Millionen Euro für die Studiengebühren legen soll? Wer soll das bezahlen? Das ist total unglaubwürdig. Zudem werden wichtige Lenkungsaspekte ignoriert.

STANDARD: Welche?

Badelt: Für die Uni-Finanzierung bedeuten sie, dass Unis, die mehr Studierende haben, automatisch mehr Geld bekommen. Ich kann mit den Mehreinnahmen sofort reagieren und Lehraufträge vergeben, also den Studierenden sofort etwas bieten. Wenn Faymann sagt, er ersetzt den Unis die Studiengebühren, frage ich, für welche Studierendenzahl? Was ist, wenn sie steigt? Ein anderer wichtiger Lenkungseffekt ist, dass durch die Studiengebühr die Zahl der nicht aktiven Studierenden gesunken ist.

STANDARD: Wie denkt der Sozialökonom in Ihnen über den Plan zur Abschaffung der Studiengebühren?

Badelt: Da stellt es mir alle Haare, die ich noch habe, auf. Es gibt dutzende empirische Beweise dafür, dass das Gratisstudium eine Finanzierung der Reichen zulasten der Armen ist. In dieser Situation würde die Rücknahme der Studiengebühren die ärmsten Studierenden überhaupt nicht erreichen, weil sie eh keine zahlen, sie kriegen sie ja rückerstattet. Die reicheren Studierenden oder ihre Eltern würden sich über das Körberlgeld freuen. Man könnte mit einem Bruchteil des Geldes wirklich etwas tun, um sozial Benachteiligte zu unterstützen. Ich finde es paradox, wie man Unis, die wirklich mehr Geld brauchen, auf eine derartig ineffiziente Art Geld entziehen will, und wenn sie schreien, sagt man: Wir geben's euch eh zurück. Das ist eine Geldverschwendung, die unsozial ist.

STANDARD: Die Abschaffung der Studiengebühr nützt eher Reicheren?

Badelt: Es ist ja kein Zufall, dass Österreich, das immer stolz war auf den freien Hochschulzugang, und lange Zeit stolz war auf keine oder nur niedrige Studiengebühren, hinsichtlich der Beteiligung benachteiligter sozialer Schichten am Studium an den untersten Stellen der entwickelten Länder liegt. Auch als Sozialpolitikprofessor verstehe ich einfach nicht, wieso ein Sozialdemokrat das nicht sehen will. Faktum ist, dass man durch eine wirklich ordentliche Subjektförderung, die an den Studienfortschritt geknüpft ist, wesentlich mehr Leute aus niedrigen Einkommensschichten an die Uni holen könnte. Allerdings müsste man auch - das möge auch die ÖVP bedenken - die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen mit bloß internen Leistungsdifferenzierungen einführen, um die Abzweigung bei zehn Jahren auf dem Weg zur höheren Bildung abzuschaffen. Dazu gehört auch der Gratiskindergarten. Wir haben ja die völlige Umdrehung des Systems, dass wir unten restriktiv sind und Gebühren verlangen und oben wollen wir dann frei sein. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2008)

  • "Das Gratisstudium eine Finanzierung der Reichen zulasten der Armen."
    foto: standard/hendrich

    "Das Gratisstudium eine Finanzierung der Reichen zulasten der Armen."

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