Raus aus dem bildungspolitischen Kindergarten!

28. August 2008, 17:23
46 Postings

Wie weit Österreichs Schulsystem von der europäischen Reife entfernt ist und warum Wahlkampffloskeln daran nichts ändern werden - Kommentar der anderen von Karl Heinz Gruber

Und was es tatsächlich braucht, das Land aus der pädagogischen Sackgasse zu führen.

****

Wer am 28. September die Bildungspolitik in seine Wahlentscheidung einbeziehen möchte, sollte sich nicht von der in den letzten Wochen ausgebrochenen Kindergarten-Euphorie täuschen lassen. Ebenso großer Handlungsbedarf besteht im Bereich der Lehrerbildung und - ja, leider, wie könnte es anders sein - bei der Reform der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Also: Was sind die konkreten Pläne für die Vorschulerziehung? Wie soll die Zukunft der Lehrerbildung aussehen? Und schließlich die bildungspolitische Gretchenfrage schlechthin: Nun sag, wie hältst du's mit der Gesamtschule? Wer sich nicht mit den üblichen Sprechblasen und Leerformeln abspeisen lassen möchte, könnte wahlwerbenden Politiker nicht bloß nach ihren Reformabsichten befragen, sondern auch danach, auf welchen Daten und Fakten ihre Programme beruhen.
Bei „Early Childhood Education and Care", wie die OECD die gesamte vorschulische Förderung nennt, ist Österreich nämlich ein „slow learner"; für keinen anderen Bildungsbereich liegen so eindeutige Empfehlungen der OECD vor. Vor Jahren wurde bei einer Konferenz internationaler Bildungsexperten im Halbernst die Frage gestellt: Wenn Sie Ihrem Bildungsministerium nur eine einzige Empfehlung geben könnten - von welcher Maßnahme erwarten Sie den größten Effekt hinsichtlich nachhaltigem Lernen, Chancenangleichung und sozialer Integration? Mit überwältigender Mehrheit entschieden sich die OECD-Experten für eine qualitätsvolle, öffentlich finanzierte, ganztägige Vorschule für alle Kinder ab dem vierten Lebensjahr. Da unter „qualitätsvoll" die altersgemäße, lustvolle Bereicherung des frühkindlichen Lernens mit besonderem Augenmerk auf die Kompensation von Sozia_lisations- und Sprachdefiziten durch kompetente Vorschullehrer/innen zu verstehen ist, sind die notorisch vorgebrachten Einwände, Kleinkinder müssten bis zum sechsten Lebensjahr vor „Verschulung" geschützt werden, entweder ahnungslos oder zynisch.

Wer beim Ausdruck „Reform der Sekundarstufe I" die gesamtschulischen Alarmglocken schrillen hört, sollte sich und die Bildungspolitiker fragen: Warum gelten die Gründe, deretwegen die meisten europäischen Länder ihre Ausleseschulen in Gesamtschulen umgewandelt haben, nicht auch in Österreich? Ist Österreichs frühe schulische Auslese objektiv, leistungsfördernd, fair und volkswirtschaftlich sparsam? Würden die Politiker „evidence-based" und nicht mit realitätsfernen Glaubensbekenntnissen antworten, müssten sie viermal „Leider nein" sagen.

Akrobat Bernd Schilcher

Die Lernleistungen österreichischer Schüler/innen sind, wie man nicht erst seit Pisa weiß, unterwältigend. Die schulische Segregation von Gymnasiasten und Hauptschülern prellt viele Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern um Bildungschancen und langfristigen Lernperspektiven. Und die Koexistenz von Gymnasien, die aus allen Nähten platzen, neben halbleeren Hauptschulen ist atemberaubend verschwenderisch. Warum wohl halten so unterschiedliche Länder wie Italien, Finnland, Kanada, Schweden und Frankreich an ihren Gesamtschulen fest?

Das größte bildungspolitische Ärgernis der zu Ende gehenden großen Koalition war, dass die ÖVP das Konzept von SP-Bildungsministerin Schmied zur Reform der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen so verhunzt hat, dass die in der nächsten Woche mit dem neuen Schuljahr beginnenden Schulversuche mit der sogenannten „Neuen Mittelschule" den Anspruch, einen Prototyp für eine zukünftige systemweite Sekundarschulreform zu erproben, nicht einlösen können.

Die Lehrerbildung ist auch nicht gerade ein Musterbeispiel für weitsichtige Bildungsplanung. Mit der Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen hat Elisabeth Gehrer eine Maßnahme gesetzt, die ungefähr so „innovativ" ist wie ein Beschluss der ÖBB, neue Dampfloks für die Westbahnstrecke anzuschaffen. Das Herausmanövrieren aus dieser Sackgasse wird mühsam und teuer werden.

Der universitären Lehrerbildung geht's nicht viel besser. Sie befindet sich in der unglücklichen Lage von jemandem, der im Gasthaus an einem Tisch Platz genommen hat, bei dem nicht klar ist, welcher der beiden Kellner zuständig ist. Infolge dieser seit Jahren herrschenden „Kollege kommt gleich"-Situation zwischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium hat man verabsäumt, die universitäre Lehrerbildung in die Neustrukturierung der Studien nach dem sogenannten „Bologna-Modell" (Gliederung in einen Bakkalaureats- und einen Master-Studienabschnitt) einzubeziehen. Es bräuchte dringendst eine interministerielle Taskforce mit dem Auftrag, einen Masterplan für den gesamten Bereich der Lehrerbildung zu erarbeiten, vom „Upgrading" der Ausbildung der Vorschullehrer/innen über die Konzeption „Bologna-gerechter" Studienpläne bis hin zur Klärung der Frage, wie eine Kooperation oder Integration der Pädagogischen Hochschulen und der Universitäten aussehen könnte. Ein stimmiges Konzept für die Lehrerbildung setzte allerdings die Vorarbeit der bildungsministeriellen Expertenkommission voraus.

Diese von Bernd Schilcher geleitete Gruppe hat nach einem ersten Brainstorming zwei Papiere vorgelegt, die allerhand Plausibles und Wünschenswertes auflisten. Eine „verbale Beurteilung" dieser beiden Berichte durch englische Lehrer würde lauten: Must try harder. Sofern diese Kommission nach der Wahl weiterbestehen wird, sollte man ihr den Auftrag erteilen, binnen angemessener Frist - Herbst 2010? - eine umfassende, solide, autoritative Basis für die Weiterentwicklung des österreichischen Schulwesens vorzulegen.

Apropos Bernd Schilcher: Der bringt das Kunststück fertig, als von der SP-Bildungsministerin bestellter Kommissionsvorsitzender für die Gesamtschule zu plädieren und gleichzeitig dem Personenkomittee des erbitterten Gesamtschulgegners Wilhelm Molterer anzugehören. Hm. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2008)

Zur Person: Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.

Share if you care.