Wie das Handy zum Computer wurde

28. August 2008, 14:53
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Alles begann 1996 mit einem Gerät, das schnell zum Klassiker wurde - Heute sind fast alle Handys PCs für die Hosentasche

Die Anforderungen an Software und Betriebssysteme für mobile Geräte erinnern an die Anfangszeit des Computers: Speicherplatz und Rechenkapazität sind knapp, und der Akku soll möglichst geschont werden. Die mobilen Geräte bestehen aus unterschiedlicher Hardware, und die Ausstattungsmöglichkeiten – beispielsweise Tastatur, Touchscreen, Displayformate – machen einen Austausch zwischen verschiedenen Geräten fast unmögich. Das hat dazu geführt, dass es mehrere konkurrierende, zum Teil proprietäre Betriebssysteme und dazugehörige Software Developer Kits (SDK) für Smartphones, PDAs, Pocket PCs und Co gibt. Für die Anpassung sind die Gerätehersteller verantwortlich. Sie legen fest, welche Funktionen verfügbar sind.

Die Stunde des Briketts

Alles begann 1996 mit einem Gerät, das schnell zum Klassiker wurde: der Nokia Communicator 9000. Ausgestattet mit einem PEN/GEOS-Betriebssystem und dem Erscheinungsbildes eines Briketts konnte der Benutzer erstmalig Personal Information Management (PIM)-Funktionen am Handy nutzen, E-Mail und Faxe empfangen oder versenden und Webseiten aufrufen. Die Gründung der Firma Symbian 1998 war der Startschuss für das Betriebssystem Symbian OS. 2001 erschien der Communicator 9210 mit Symbian OS, das in der Folgezeit auf den Smartphones von Nokia und Ericsson zum dominierenden System wurde.

Die verschiedenen User Interface-Plattformen schaffen ein individuelles Erscheinungsbild des Betriebssystems. Allerdings sind Programme nur mit Anpassungen zwischen den verschiedenen Versionen austauschbar. Symbian findet sich auf vielen Geräten sowohl für den Geschäftsbereich als auch im Privatanwender. Aufgrund der hohen Verkaufszahlen von Nokia-Geräten, konnte sich das Betriebssystem lange Zeit als Marktführer behaupten und lag laut Analyse von Canalys noch im vierten Quartal 2007 mit weltweit 65 Prozent Marktanteil an der Spitze.

Das Jahr, in dem alle durchstarten

1996 war ein ereignisreiches Jahr. In diesem Jahr stellte Microsoft die erste mobile Version von Windows vor. Zunächst hieß das Betriebssystem Windows CE, bis es in Pocket PC 2002 und später in Windows Mobile (WM) umbenannt wurde. Die grafische Oberfläche ähnelte anfangs der Desktop-Version; der Heute-Bildschirm kam erst 2002.

Das Betriebssystem von Microsoft zielte ursprünglich auf das Geschäftskundensegment. Mit der Version Pocket PC 2002 – die einige Änderungen am Gerätemanagement brachte – erfolgte die Ausrichtung auf den Massenmarkt. Im nächsten Schritt trennte Microsoft die Versionen für Geräte mit oder ohne Touchscreen und schuf eine Phone Edition. Die MDA-Serie, mit der diese Phone Edition in den Markt eingeführt wurde, öffnete den Bereich Smartphones. Das Zielpublikum der neuesten Version WM 6 ist der Privatkunde, um das System auf dem gesamten Markt zu positionieren. Ebenfalls 1996 präsentierte U.S. Robotics den PDA Palmpilot mit dem Betriebssystem Palm OS. Das System mit integrierter Handschriftenerkennung war technisch weiter entwickelt als Windows CE. Palm konzentrierte sich hauptsächlich auf die PIM-Funktionalität für Geschäftskunden. Damit konnte es sich im Bereich der PDAs behaupten – die Clié-Reihe von Sony war ein großer Erfolg auch für dieses Betriebssystem.

Der Markt ist in Bewegung

Den ersten BlackBerry von Research In Motion (RIM) gab es bereits 1999. Die Funktionalität war noch stark eingeschränkt, legte aber bereits den Grundstein für die kommenden Schwerpunkte der Entwicklung: Organisation und E-Mail. 2001 kam die Telefonfunktion hinzu – die Grundlage für den Erfolg des Herstellers besonders bei Geschäftskunden. Inzwischen steht RIM ganz oben auf der Liste der verkauften Smartphones, wie unter anderem die Studie von IDC zeigt.

Der Neueinsteiger Apple, der mit dem iPhone den Markt in Bewegung brachte, konnte sich auf Anhieb einen Platz unter den ersten drei sichern. Das iPhone ist zur festen Größe auf dem Markt der Smartphones und mobilen Computer geworden, auch wenn die guten Verkaufszahlen aus dem letzten Quartal 2007 in den letzten Monaten wieder zurückgingen.

Moderner Leatherman

Die Möglichkeit, auf unterschiedliche Anwendungen, Daten und Kommunikationsmittel jederzeit zuzugreifen, begründet den Erfolg der mobilen Geräte. Die Einsatzbereiche spiegeln sich in der verwendeten Software wider: PIM-, Office-, Mail- und Messenger-Programme für die geschäftliche, berufliche Verwendung. Navigations- und Übersetzungssoftware unterstützen die Mobilität, und mit Spielen und Multimedia-Anwendungen erobert sich der Allrounder auch seinen Platz im Privatleben. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Die vielen verschiedenen Systeme machen einen Umstieg von einem Gerät auf ein anderes schwierig – vor allem wenn man seine Software mitnehmen möchte.

Mobile Software von der dunklen Seite

Symbian belegte im Rennen um den ersten mobilen Virus knapp den ersten Platz: 2004 tauchte Cabir als erster Wurm für Symbian-Geräte auf, einen Monat später gab es den ersten Schädling für Windows CE. Seitdem steigt die Anzahl der Malware langsam an. Der Kaspersky-Jahresbericht 2007 verzeichnet beispielsweise 49 Symbian-Viren, demgegenüber stehen rund 230.000 für den PC. Eine detaillierte Analyse zum ersten Quartal 2008 ist zu finden unter: www.viruslist.com. Die Vielzahl der Geräte und Betriebssysteme ist der beste Schutz und bieten Virenschreiber wenig Anreiz, gerätespezifische Viren zu programmieren. Eine weitere Hürde ist die Verbreitung. Die meisten Malware-Programme werden über Bluetooth oder MMS verbreitet und müssen vom Anwender bestätigt werden.

Viren gehören auch am mobilen Gerät zur Realität. Derzeit ist es unter Experten umstritten, ob es zu einem rasanten Anstieg von Schadprogrammen kommt. Die Entwicklung der mobilen Systeme steht noch am Anfang. Auf Geräteseite können die Hersteller von Betriebssystemen und Geräten schon heute daran arbeiten, dass sich die Geschichte der Computerviren nicht wiederholt. In punkto Sicherheit ist aber auch der Benutzer selbst gefragt – egal PC oder Pocket PC. (Markus Drenckhan)

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