Global 2000: Neue Pestizidhöchstwerte sind Gesundheitsrisiko

28. August 2008, 12:38
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"Viele der neuen Höchstwerte wurden derart angehoben, dass akute und chronische Gesundheitsschäden drohen", so Global 2000-Biochemiker Burtscher

Wien - Rund 700 der ab ersten September EU-weit einheitlich geltenden Höchstmengen für Pestizide in Obst und Gemüse sind nicht sicher. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute in Wien präsentierte Studie der Umweltorganisationen Global 2000 und Greenpeace Deutschland.

"Harmonisierte" Höchstwerte für etwa 443 Pestizidwirkstoffen

Ab dem nächsten Monat werden EU-weit rund 170.000 harmonisierte Höchstwerte für etwa 443 Pestizidwirkstoffen auf rund 380 verschiedenen Lebensmitteln gelten. Etwa die Hälfte der rund 700 unsicheren - und damit "potenziell gesundheitsgefährdenden" - Höchstmengen ist in Österreich schon seit Jahren in Kraft, der Rest mit September. Insgesamt weisen 121 der 443 untersuchten Pestizidwirkstoffe laut Global 2000-Biochemiker Helmut Burtscher einen oder mehrere Höchstwerte auf, die als potenziell gesundheitsschädigend sein können.

Akute Referenzdosis (ARfD) für Kinder wird überschritten

In der Studie wurden die rund 170.000 von der EU-Kommission festgelegten Grenzwerte nach EU-eigenen Maßstäben überprüft: Bei 570 Grenzwerten von Obst und Gemüse werde die sogenannte Akute Referenzdosis (ARfD) für Kinder überschritten. "Das heißt, dass sie nach offizieller Diktion gesundheitsgefährdend sind", so der Biochemiker. Spitzenreiter seien Trauben, Birnen und Äpfel, bei denen jeweils zwischen acht und neun Prozent aller festgelegten zulässigen Höchstmengen für die Kleinen potenziell gesundheitsgefährdend sein können.

Einmaliger Konsum

Laut Studienergebnis sind zahlreiche Höchstmengen "derart großzügig" festgelegt, dass bereits der einmalige Konsum gefährdend sein könnte: Für ein 16,5 Kilogramm schweres Kind seien das zum Beispiel schon 20 Gramm Trauben - in etwa fünf Beeren - bei Ausschöpfung des Höchstwertes des Wirkstoffs Procymidone.

Chronische Toxizität

Weiters habe die Bewertung der chronischen Toxizität (wiederholter Konsum über ein ganzes Leben, Anm.) Mängel bei 94 EU-Höchstmengen aufgezeigt. "Ein zusätzliches Gefährdungspotenzial geht von den neuen Höchstwerten aus, da mögliche Kombinationswirkungen zwischen Pestizidwirkstoffen - Stichwort 'Cocktaileffekt' - nicht berücksichtigt wurden", so Burtscher. Die im Rahmen der Studie durchgeführte Bewertung habe aber "erhebliches zusätzliches Gefährdungspotenzial" für bestimmte Stoffgruppen gezeigt.

Unsichere Höchstwerte müssen korrigiert werden

Die Umweltorganisation forderte von der EU-Kommission, die "unsicheren Höchstwerte zu korrigieren" - besonders im Hinblick darauf, dass rund die Hälfte der unsicheren Werte in Österreich bereits seit Jahren gelten würden und Greenpeace und Global 2000 wiederholt darauf aufmerksam gemacht hätten.

Kritik an Vorgehensweise

Global 2000 kritisierte auch die Art, wie man zu den neuen Höchstwerten gekommen sei: Die EU-Kommission habe alle Höchstmengen aus den einzelnen Mitgliedsstaaten gesammelt und in der Regel einfach den jeweils höchsten Wert als neue Höchstmenge vorgeschlagen.

Klage gegen EU am Europäischen Gerichtshof

Die präsentierte Studie stützt laut Global 2000 auch die von der Umweltorganisation PAN Europe vor dem europäischen Gerichtshof eingereichte Klage gegen die EU-Kommission. Die Behörde hatte zuvor einen Antrag von PAN auf eine Überarbeitung der unsicheren Werte abgelehnt. (APA)

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    Greenpeace Mitarbeiter konnten 2006 in Hamburg verbotene Pestizide am "Schwarzmarkt" erwerben.

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