Gute schlechte Kunst, gute schlechte Reden und eine "tolle Frau" zur Miete

28. August 2008, 16:43
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Eine Architekturstudentin "mietete" sich Kulturministerin Claudia Schmied für einen Museumsbesuch im Wiener MUMOK– Eine derStandard.at-Reportage von einem Wahlkampftermin der etwas anderen Art

"Du hast mich also ausgewählt!" Claudia Schmied schüttelt ihrer "Mieterin" die Hand. Ein Besuch im Museum ist für die Unterrichts- und Kulturministerin Alltag. Wenn sie dafür über die Aktion "rent a politician" ausgewählt wurde, ist das jedoch etwas Besonderes. Joja, das ist der Künstlername der Wiener Architekturstudentin, hat sich über die Homepage der SP-Jugendkampagne "Neue Politik" angemeldet, um mit Schmied die Ausstellung "Bad Painting - good art" im Museum Moderner Kunst (MUMOK) zu besichtigen.

Grillfeste und Museumsbesuche für Auserwählte

Eigentlich sei sie unpolitisch, sagt Joja im Gespräch mit derStandard.at, "aber natürlich politisch interessiert". Die Kunstministerin war für sie naheliegend: "Mir ist es wichtig, Kunst zu verfolgen. Und Claudia Schmied ist für mich eine interessante Person." Über die Aktion "rent a politician" hat sie von Freunden erfahren. Auf der Homepage bieten sich bisher vorwiegend SPÖ-JungpolitikerInnen aus den Bundesländern an. Das liegt laut Raphael Sternfeld, Sprecher der Aktion, daran, dass die BundespolitikerInnen derzeit volle Terminkalender haben. Deshalb stehe auch noch nicht fest, wen die SPÖ als nächstes "vermietet".

Welche Vorschläge die Organisatoren annehmen, wird wie in Jojas Fall nach Orginalität des Vorschlags und Verfügbarkeit der PolitikerInnen entschieden. Die "Miete" kostet die TeilnehmerInnen übrigens nichts. Im Wahlkampf 2006 ließ sich unter anderem Alfred Gusenbauer für eine Grillparty mieten. Renate Brauner kochte mit einer Krankenpflegeschülerin und Kultur-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny wurde zum Basketballspiel in Wien-Ottakring bestellt.

Führung ohne Frontalunterricht

Nicht nur Joja findet Schmied interessant: Eine Museumsmitarbeiterin begrüßt sie am Haupteingang mit einem großen Lob: "Sie sind eine tolle Frau! Ich bewundere, was sie gemacht haben und freue mich auf das neue Schulsystem. Als Mutter spreche ich aus Erfahrung."

"Das war nicht bestellt", freut sich Schmied über das Kompliment. Im Foyer des Mumok begrüßt sie sechs "junge Rote", die sich mit Laura Rudas, SPÖ-Jugendsprecherin, der Tour durchs Museum angeschlossen haben. Die Kuratorin Eva Badura-Triska heißt den jungen Besuch willkommen. "Ihr könnt mir gerne Fragen stellen, ich bin gegen Frontalunterricht", sagt sie und zwinkert der Bildungsministerin zu.

"Ihr habt doch nicht im Ernst geglaubt, dass wir euch hier schlechte Kunst zeigen", scherzt die Kuratorin. Rudas lauscht brav, während Schmied mit Joja tuschelt. Die Ausstellung präsentiert Werke von Künstlern, "die die Kunst immer in Frage gestellt haben" - also jene, die sich gegen die Kunst ihrer Zeit gewehrt haben und bewusst versucht haben, ihre Werke ironisch und "hässlich" zu malen. Hin und wieder stellen Joja und Schmied Fragen, der Rest der Gruppe hält sich zurück. Wie bei einem Schulausflug folgen sie der Kuratorin durchs Museum.  Auch mit Fragen an die Ministerin hält sich der SP-Nachwuchs zurück.

Politische Kunst

Immer in Frage stellen, das ist Schmied auch in der Politik wichtig: "Deshalb ist diese Ausstellung heute passend", sagt sie gegenüber derStandard.at. Und wie fühlt es sich an, dafür "gemietet" zu werden? "Ich bevorzuge den Ausdruck 'ausgewählt'. Und das ist natürlich ein Ausdruck der Wertschätzung für mich." Es sei nicht bloß ein weiterer Wahlkampftermin für sie, sondern Abwechslung vom Alltag. "Nach der Wahl ist vor der Wahl - und vor der Wahl ist nach der Wahl", natürlich sei jeder Termin jetzt auch ein bisschen Wahlkampf, gesteht die Ministerin.

"Laura, wir sollten für das Parlament 'gute schlechte' Reden vorbereiten", spielt Schmied auf den Titel der Ausstellung an. Für Joja steht nach wie vor die Kunst im Mittelpunkt: "Kunst muss unpolitisch bleiben." Es werde aber immer politische Aspekte in der Kunst geben, so die Kuratorin. Die Studentin hat den Museumsbesuch mit der Ministerin jedenfalls genossen, auch wenn der Hauptaspekt - die Kunst - gegenüber der prominenten Begleiterin etwas in den Hintergrund gerückt ist: "Ich werde noch mal kommen und mir mehr Zeit dafür nehmen." Denn wenn sie sich schon eine Politikerin "mietet", will sie die Zeit mit ihr nutzen und sich über Kunst unterhalten. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 28. August 2008)

Links

Bad Painting - good art - noch bis 12. Oktober im Mumok

  • Joja (links) hat sich Claudia Schmied für einen MUMOK-Besuch "gemietet".
    fotos: derstandard.at/zielina

    Joja (links) hat sich Claudia Schmied für einen MUMOK-Besuch "gemietet".

  • Kuratorin Eva Badura-Triska:
"Ihr könnt mir gerne Fragen stellen, ich bin gegen Frontalunterricht".
    fotos: derstandard.at/zielina

    Kuratorin Eva Badura-Triska: "Ihr könnt mir gerne Fragen stellen, ich bin gegen Frontalunterricht".

  • Joja: "Claudia Schmied ist für mich eine interessante Person".
    fotos: derstandard.at/zielina

    Joja: "Claudia Schmied ist für mich eine interessante Person".

  • "Ihr habt doch nicht im Ernst geglaubt, dass wir euch hier schlechte Kunst zeigen".
    fotos: derstandard.at/zielina

    "Ihr habt doch nicht im Ernst geglaubt, dass wir euch hier schlechte Kunst zeigen".

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