FSME: Infektionen durch Ziegenmilch

28. August 2008, 08:23
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Vorarlberg: Frischkäse von der Alm war mit Virus kontaminiert - Vier Personen mussten ins Spital - Keiner der Betroffenen geimpft

Wien - Was ehemals als ziemlich undenkbar galt - FSME-Infektionen in den Bergen - trat Juli in Vorarlberg ein: Sechs Menschen wurden mit dem heimtückischen Virus infiziert. Und das laut dem Institut für Virologie der MedUni-Wien noch dazu per Ziegen-Kuhmilch-Frischkäse von der Alm - ohne "Zeckenbiss".

Das berichten die Wiener Experten in der neuesten Ausgabe ihrer "Virusepidemiologischen Information". Keiner der Betroffenen war gegen die FSME geimpft, vier von mussten ins ins Spital aufgenommen werden.

Senner auf der Alm als erstes Opfer

Die Fachleute vom Institut für Virologie in Wien: "Am 20. Juni stieg ein Senner in Vorarlberg auf seine Alm, die sich in 1.564 Meter Seehöhe befindet und verließ diese erst wieder am Abend des 12. Juli, da er sich unwohl fühlte und den Notarzt aufsuchte."

Mit unspezifischen grippeähnliche Beschwerden wurde der Mann am Tag darauf in die HNO-Abteilung des Krankenhauses Feldkirch aufgenommen. Am 17. Juli kam der Patient schließlich auf die neurologische Abteilung ins LKH Rankweil. Eine zur Abklärung der Ursache der Erkrankung nach Wien geschickte Probe von Rückenmarksflüssigkeit des Patienten erbrachte den eindeutigen Nachweis: Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME).

Oralen Übertragung des FSME-Virus

Die Fachleute machten sich auf die Suche nach Ort und Grund für die Infektion. Heidemarie Holzmann und Franz X. Heinz, Chef des virologischen Instituts in Wien, in der aktuellen Ausgabe ihrer Informationsschrift: "Als der behandelnde Arzt daraufhin den Patienten befragte, stellte sich heraus, dass er nicht geimpft war und keinen Zeckenbiss bemerkt hatte. Allerdings gab er an, Frischkäse, den er selbst aus unpasteurisierter Ziegen- und Kuhmilch hergestellt hatte, verzehrt zu haben. Damit stand erstmals der Verdacht einer oralen Übertragung des FSME-Virus im Raum."

"Grippe" und Kopfschmerzen

Der Verdacht erhärtete sich, als der Mann berichtete, seine Schwiegereltern, die nicht auf der Alm gewesen waren, aber von demselben Ziegenkäse gegessen hatten, wären mit "Grippe" und Kopfschmerzen im Krankenhaus Rankweil behandelt worden. Bei ihnen wurde über Blutuntersuchungen ebenfalls eine "frische" FSME-Infektion festgestellt. Die Virologen: "Von demselben Käse hatte auch die Ehefrau des Indexfalles (Fachausdruck für den ersten festgestellten Patienten, Anm.) und eines seiner Kinder sowie ein befreundetes Ehepaar gegessen."

Zwei Infizierte ohne Symptome

Mit einer Ausnahme kam es in allen Fällen zu einer FSME-Infektion, bei zwei Personen allerdings ohne Symptome. Die Ehefrau des Senners steckte sich offenbar nicht an, weil ihr auf den Frischkäse übel wurde und sie erbrochen hatte.

Die Experten: "Damit haben sich sechs Personen durch den Genuss des Ziegenkäses infiziert. Vier davon (im Alter von 43, 44, 60 und 65 Jahren) sind an FSME erkrankt und wurden hospitalisiert." Zwei der Infizierten, im Alter von acht und 37 Jahren, entwickelten keine Symptome.

FSME-Virus-Antikörper nur bei einer Ziege

Die weitere virologische Detektivarbeit fand schließlich auf der Alm statt. Den Tieren des Senners wurden Blutproben entnommen. Das Ergebnis laut den Virologen: "Wir untersuchten zudem die Seren von den beiden auf der Alm des Indexpatienten lebenden Ziegen und wiesen spezifische, neutralisierende FSME-Virus-Antikörper nur bei jener Ziege nach, deren Milch für die Herstellung des Ziegenfrischkäses verwendet worden war. (...)

Weiters wurden auch Seren von vier auf dieser Alm lebenden Alpschweinen untersucht, denen die bei der Käseherstellung entstehenden Molke- und Käsereste verfüttert worden waren. In zwei Fällen konnten auch wieder spezifische, neutralisierende FSME-Virus-Antikörper nachgewiesen werden, die für eine FSME-Infektion der Tiere sprechen."

Folge des Klimawandels

Bisher hatte man geglaubt, dass ab einer Seehöhe von 1.350 Metern keine Zecken mehr vorkommen. Jetzt  ist klar: Die  alpine Alm ist in Österreich nicht mehr FSME-frei. Möglicherweise - so die Experten - hat der Klimawandel bereits den Lebensraum der FSME-Überträger erweitert. Über Milchprodukte erfolgte FSME-Infektionen sind in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich aus den baltischen Ländern bekanntgeworden.

Im Jahr 2007 gab es in Österreich 45 FSME-Erkrankungen. Bis zum 28. Juli dieses Jahres waren es bereits 32. Die Impfung schützt zuverlässig gegen eine Erkrankung. In den vergangen Jahrzehnten hat die Impfung die jährliche Zahl der Fälle von ehemals bis zu 700 pro Jahr drastisch reduziert. (APA)

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    Möglicherweise - so die Experten - hat der Klimawandel bereits den Lebensraum der FSME-Überträger erweitert. Über Milchprodukte erfolgte FSME-Infektionen sind in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich aus den baltischen Ländern bekanntgeworden.

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