Sammeln ohne Sozialprestige

27. August 2008, 20:10
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Wiener Internationale-Postwertzeichen-Ausstellung und Marken-Auktion im Dorotheum

Wien - Auf der Suche nach dem klassischen Briefmarkensammler wird man in der Generation der Zwanzig- bis Vierzigjährigen kaum fündig. Der durchschnittliche Sammler hat den ersten beruflichen Erfolg hinter sich gebracht, die Kinder groß gezogen und verfügt über Zeit, Geduld und manchmal auch über das notwendige Kapital, charakterisiert Erich Kosicek, Leiter der Fachabteilung im Dorotheum. Ein besonders trendiges Image haftete dieser Sammelsparte eben nicht an, dabei hat auch sie ihre Höhepunkte. Einer der aktuellen misst 20 mal 21 Millimeter, heißt Zinnober-Merkur und kommt am 19. September im Dorotheum zur Versteigerung. Der Rufpreis beträgt stolze 22.000 Euro, was überzeugte Philatelisten nicht aus der Ruhe bringt.

In Österreich lässt sich die Fraktion der Postwertzeichen-Fanatiker mit etwa 70.000 beziffern, die zumeist in Vereinen organisiert sind und rege internationale Kontakte pflegen. Demnächst (18. bis 21. September) wird man sie zur Wiener internationalen Postwertzeichenausstellung (Wipa 08) ins Austria Center Vienna pilgern sehen. Dort versammeln sich nicht weniger als 430 Aussteller, 24 Arbeitsgemeinschaften, 88 Briefmarkenhändler sowie 40 internationale Postanstalten. Wien wird damit kurze Zeit und seit 1881 zum sechsten Mal zum Nabel des Philatelistenuniversums. Zuletzt fand eine Wipa im Jahr 2000 statt und lockte damals stattliche 60.000 Besucher an, so viele wie keine Kunstmesse hierzulande.

Dabei können sich die auch im Dorotheum seit Jahren erzielten Umsätze sehen lassen. Die erste Briefmarken-Auktion in Österreich fand 1916 statt, im Ausland, in Deutschland und vor allem im anglikanischen Raum um 1880. Mittlerweile hält das Dorotheum neun Spezialauktionen jährlich ab, wechseln rund 10.000 Positionen - darunter aber auch Konvolute bis zu ganzen Kartonfüllungen - den Besitzer. Bilanztechnisch schlägt sich das immerhin mit rund vier Millionen Euro pro Jahr zu Buche. Das Team um Kosicek umfasst neun Spezialisten, er selbst begann seine Karriere 1978, als Schreibkraft dieser Abteilung, 2003 übernahm er die Leitung. Auch das Dorotheum wird bei der Wipa vertreten sein, allerdings erst nach der Auktion. Am 20. und 21. September begutachten und bewerten die Dorotheum-Experten dann die von Besuchern mitgebrachten Postwertzeichen, Einzelstücke werden dann genauso unter die Lupe genommen wie ganze Sammlungen.

Ob sich eine weitere, von den weltweit rund vierzig bekannten Exemplaren einer Merkur darunter findet? Man wird sehen, denn diese aus den Jahren 1851 bis 1856 ausschließlich für den Versand von Zeitungen verwendete Marke ist eine absolute Rarität. Neben den Farben Blau, Gelb und Rosa zählt die in Zinnober zu den wertvollsten und seltensten. Mit der Millionenliga einer Blauen oder der Roten Mauritius - zwei dieser sagenumwobenen Marken sind bei der Wipa zu sehen - ist diese freilich nicht vergleichbar, "aber es ist die wertvollste Briefmarke Österreichs" , betont Erich Kosicek. In der Preisentwicklung der vergangenen Jahre, bei der auch das Internet für einen Interessenschub sorgte, waren Postfälschungen besonders gefragt, die stabilste Performance lieferte das klassische Segment aus der Zeit von 1850 bis 1918. Je kleiner die Auflage, desto höher ist auch in diesem Segment die Chance auf Wertsteigerung, die ab 1957 und damit verbundenen Auflagen von bis zu drei Millionen Exemplaren je Ausgabe sinkt. (kron / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.8.2008)

  • Die "Zinnober-Merkur"  ist die wertvollste Briefmarke Österreichs.
    foto: dorotheum

    Die "Zinnober-Merkur"  ist die wertvollste Briefmarke Österreichs.

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