Bildungsforscher Pechar: "Bezahlen wird das Hochschulsystem"

27. August 2008, 18:04
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Aus für Studiengebühr wäre "absolut kontraproduktiv" - mit Grafik

Wien - Werner Faymann verspricht den Studierenden (oder ihren Eltern), dass sie keine Studiengebühr mehr zahlen müssen. Der SP-Chef verspricht aber auch den Unis, dass er diese Wahlkampfrechnung begleichen und ihnen die entfallenden Einnahmen ersetzen würde, sagte er am Mittwoch: "Es war nicht gemeint, dass das den Unis fehlt, das wird ersetzt."

Hochschulforscher Hans Pechar hält Faymanns Wunsch, die Studiengebühr wieder zu kippen, für „ärgerlich und kein gutes Zeichen". Warum, erklärt der Bildungsexperte im Standard-Gespräch: „Es gibt eine ganze Reihe bildungsökonomischer Gründe, warum man auf der Ebene des tertiären Bildungssystems sozialverträgliche Privatbeiträge haben sollte", also für Unis und Fachhochschulen.

„Dagegen sollte man auf anderen Ebenen - Kindergarten, Vorschule, schulische Nachmittagsbetreuung - keine Gebühren verlangen. Das wäre sozial verträglicher und effektiver", sagt Pechar. Die Aufgabe öffentlicher Bildungsfinanzierung mit immer begrenzten Budgetmitteln wäre ja eigentlich, „eine möglichst hohe Wirkung in Richtung Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus zu erreichen - da ist die Abschaffung der Studiengebühren absolut kontraproduktiv". Wenn Faymann jetzt beteuere, die Unis bekämen das Geld ersetzt, dann fragt Pechar: Woher nehmen? Mehr öffentliches Geld durch Steuererhöhung? Unpopulär im Popularitätswettkampf der Politik. Einem anderen Ressort wegnehmen? Schon eher eine Möglichkeit. Oder aber das Naheliegendste: innerhalb des Wissenschaftsressorts hin- und herschieben. Heißt konkret: „Bezahlen wird das österreichische Hochschulsystem. Nur weil die SPÖ unfähig ist, aus ihrer selbstgestellten Falle, in die sie getappt ist mit dem Wahlversprechen ,Studiengebühren weg‘, wieder herauszukommen."

Falle deswegen, „weil sie nie belegen konnte, dass die Studiengebühr ein Faktor für soziale Selektivität ist. Das ist klar nicht der Fall. Ein Drittel zahlt gar keine Gebühren, und der Betrag ist international sehr gering." Alfred Gusenbauers Idee, die Studiengebühr als Mentoren in Schulen abzuarbeiten, wollen laut derStandard.at übrigens nur 22 Studierende nutzen.

Das Worst-case-Szenario beschreibt Pechar so: „Wenn die SP-Linie mit radikal offenem und kostenfreiem Zugang durchkommt, sehe ich schon den nächsten, dann vielleicht roten Wissenschaftsminister vor mir, wie er die Erfolgsmeldung vor sich herträgt ,Studentenzahl erhöht‘. Die Absolventenquote wird weiter dahintümpeln, aber wir haben großartig die Studentenzahl erhöht - und werden über die Jahre wieder 20 Prozent Scheininskribenten haben." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2008)

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