Beziehungsprobleme und ihre Kollateralschäden

27. August 2008, 17:43
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Die Filmfestspiele in Venedig eröffneten mit dem neuen Film von Joel und Ethan Coen: "Burn After Reading"

"Vo-La-Re! Oh-Ooh! Can-Ta-Re! Oh-Ooh-Oh!" Das 65. Filmfestival von Venedig begann mit der inof-fiziellen italienischen Bundeshymne ziemlich beschwingt. Der Grund: eine Wiederaufführung von Tutto è Musica, eines ungewöhnlichen Schlagerfilms von Domenico Modugno aus dem Jahr 1963. Er wolle Musik vermitteln, die direkt ins Herz zielt und einen dann nicht einmal im Schlaf verlässt, kündigt der Musiker zu Beginn an. Wie recht er damit behalten wird!

Blaue Farbe läuft über die Leinwand, Luftballons schweben durchs Bild, und schließlich ist es der Sänger selbst, der zu Volare in luftige Höhen davonfliegt, quer über den tiefblauen Himmel.

Modugno glaubt an die sentimentale Kraft dieser Gassenhauer und übersetzt sie mitunter sehr illustrativ in visuelle Klischees, die er jedoch mit viel Humor wieder aufbricht. So ist es beispielsweise kein Mensch, sondern ein Pferd, das den Traum von einem selbst bestimmten Leben kurz verwirklicht und aus seinen Schleppdiensten ausbricht.

Tutto è Musica ist auf der Mostra Teil eines kleinen Schwerpunkts zum populären italienischen Kino, in dessen Rahmen etwa auch Adriano Celentano einen Preis für sein Lebenswerk erhalten wird.

Der eigentliche Eröffnungsfilm war natürlich Burn After Reading, eine tolldreistes Crossover aus Agentenkomödie und Beziehungssatire der Brüder Joel und Ethan Coen - eine glückliche Wahl für den oft schwierigen Auftakt eines Großfestivals. Nicht nur präsentieren sich Hollywood-Stars wie George Clooney, Brad Pitt, Tilda Swinton, John Malkovich oder Frances McDormand darin in einer Spiellaune, als ginge es beständig darum, sein jeweiliges Gegenüber zu übertreffen.

Dem Film gelingt es zudem immer wieder, mit unerwarteten Wendungen zu überraschen - und das heißt in diesem Fall: Eine Missinterpretation jagt in hohem Tempo die nächste, bis am Ende zwei verdutzte CIA-Obere nicht mehr wissen, wie das ganze Schlamassel eigentlich begonnen hat. Und schon gar nicht, was sie daraus für Lehren ziehen sollen. Das ist für den Zuschauer auch gar nicht so wichtig.

Eine CD mit angeblich hochbrisanten Daten wird zum MacGuffin - dem beliebigen Objekt, die Handlung voranzutreiben. Er verbindet die Wünsche einer Fitnessstudioangestellten (McDormand) und ihres dümmlichen Trainerkollegen (mit 80er-Jahre-Föhnfrisur: Brad Pitt) mit den Beziehungseinöden zweier Mittelstandspaare, die sich längst nicht nur im Bett betrügen. Dass die privaten Turbulenzen bis in höhere Etagen der CIA führen, hängt mit der einstigen Profession eines der Ehemänner zusammen: Agent Osborn Cox (Malkovich) wurde entlassen, weil er ein Alkoholproblem hat.

Trotz der einigermaßen verzwickten Konstellation bewahren die Coen-Brüder jederzeit den Überblick und inszenieren mit souverän sicherem Timing eine hochkomische Farce über die Unzulänglichkeiten des bürgerlichen Zusammenlebens.

Fast ein jeder will hier seinem Dasein einen neuen Kick verleihen, findet dafür aber nicht das geeignete Mittel. Der eine geht joggen und bastelt nebenbei an einer Orgasmusmaschine, der andere diktiert Memoiren ins Whiskeyglas, die nächste versucht es über kosmetische Operationen.

Das inmitten dieser Sinnsuche plötzlich Leichen auftauchen, ist, wie heißt es so unschön: ein Kollateralschaden. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.8.2008)

  • Betrügereien nicht nur im Bett: George Clooney und Tilda Swinton brillieren in "Burn After Reading"  der Brüder Coen.
    foto: polay

    Betrügereien nicht nur im Bett: George Clooney und Tilda Swinton brillieren in "Burn After Reading"  der Brüder Coen.

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