Totaler Flop: Nur 22 Studierende wollen sich Gebühr zurückerarbeiten

27. August 2008, 14:22
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Das Modell "Mentoring an Schulen" ist unter anderem wegen fehlender Werbung ein Misserfolg - Die beteiligten Ministerien weisen die Schuld von sich

Politisch interessierte Studierende erleben dieser Tage ein Déjà-vu: Die Abschaffung der Studiengebühren versprach die SPÖ ihnen bereits bei der Nationalratswahl 2006. Und sie macht es diesmal wieder zum Thema. Dabei hat die Sache einen großen Schönheitsfehler: Im Jänner 2007 präsentierte Alfred Gusenbauer stolz seinen Vorschlag "Gemeinnützige Arbeit statt Studiengebühren": Wer 60 Stunden pro Semester Nachhilfe für SchülerInnen gibt, muss keinen Beitrag zahlen. Heute will von der Sache niemand mehr etwas wissen. Denn das Projekt, das im Herbst in die Pilotphase geht, ist gefloppt - Von der sozialen Lösung, auf die sich Rot-Schwarz bei den langen Koalitionsverhandlungen geeinigt hatten, ist keine Rede mehr. 

Verschätzt: 22 statt 100.000

Für den Lehrgang "Mentoring an Schulen" haben sich bisher 22 Personen angemeldet, informiert Gabriele Wehlend, die das Projekt an der Pädagogischen Hochschule betreut, im Gespräch mit derStandard.at. Diese zweitägige Ausbildung ist notwendig, um sich seine Studiengebühren durch Nachhilfe zurückholen zu dürfen. Die Zahl von acht Anmeldungen, die vergangene Woche in Medienberichten kolportiert wurden, wurden von ihr nicht bestätigt. Trotzdem: "Die Anmeldungen tropfen nur langsam herein", sagt sie leicht gefrustet. Die SPÖ gab sich vor eineinhalb Jahren zuversichtlicher. Wissenschaftssprecher Josef Broukal sagte damals voraus, dass 100.000 Studierende das Refundierungsangebot annehmen werden.

Das Pilotprojekt entstand in einer Arbeitsgruppe des Wissenschaftsministeriums gemeinsam mit dem Unterrichtsministerium. Im Herbst 2007 hieß es von Seiten dieser Arbeitsgruppe, das Mentoring starte bereits im Frühjahr 2008. Seitdem ließ die Arbeitsgruppe nichts mehr von sich hören. Im Unterrichtsministerium heißt es auf Anfrage von derStandard.at, das Projekt sei fertiggestellt, man habe seinen Beitrag geleistet. "Für alles andere ist das Wissenschaftsministerium verantwortlich", so ein Sprecher von Bildungsministerin Claudia Schmied.

Aus dem Büro des Wissenschaftsminister Johannes Hahn heißt es, man habe das Projekt entwickelt, für die Umsetzung an der Pädagogischen Hochschule sei das Unterrichtsministerium zuständig. Fakt ist: Das Modell, das nun übrigens "Mentoring an Schulen" heißt, wird auf keiner der beiden Ministeriums-Homepages beworben. Nur auf der Homepage der Pädagogischen Hochschule Wien findet sich ein Link zur Anmeldung.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Und wer informiert die Studierenden über das Angebot? "Das ist ein Projekt des Wissenschaftsministeriums, deshalb ist es ihre Aufgabe, die Studierenden zu motivieren", rechtfertigt sich der Schmied-Sprecher.

Das Wissenschaftsministerium sucht die Schuld bei anderen: "Wir haben die Universitäten mit einem Schreiben informiert und gebeten, die Informationen an die Studierenden weiterzugeben." Was dann geschehe, könne man nicht mehr kontrollieren, so eine Sprecherin Hahns. Die Österreichische HochschülerInnenschaft habe sich gegen eine Zusammenarbeit gewehrt. Eine Aussage, die der neue Vorsitzende Samir Al-Mobayyed bestätigt: "Wir halten das Modell nach wie vor für einen Witz." Deshalb habe er auch nicht vor, den Lehrgang auf der ÖH-Homepage zu bewerben: "Damit würden wir ja die Vermittlung von billigen Arbeitskräften unterstützen. Da machen wir nicht mit."

Kaum Nachfrage an Uni Wien

Die Universität Wien bestätigt, bereits im Mai das Schreiben des Ministeriums erhalten zu haben. "Die Servicestelle Student Point hat die Ankündigung in ihren Newsletter und in ihre Homepage aufgenommen", so Pressesprecherin Cornelia Blum. Die Anfragen diesbezüglich hätten sich jedoch in Grenzen gehalten.

Lediglich die Rektorin der PH Wien, Dagmar Hackl, gesteht Fehler ein: "Wir haben den Lehrgang bisher noch nicht gut beworben." Sie hat noch Hoffnung, dass die Zahl der Anmeldungen steigt, wenn die Studierenden aus den Ferien zurückkommen. Die Mentoring-Ausbildung an ihrer Hochschule will sie jedoch nicht auf die Refundierung der Studiengebühren reduzieren. "Die Studierenden, die da mitmachen, erwerben Zusatzqualifikationen, die sie in ihrem späteren Berufsleben vielleicht gebrauchen können." Für den zweitägigen Workshop erhalten die TeilnehmerInnen ein Zertifikat.

363,36 Euro für 60 Stunden

Unter den 22 Anmeldungen finden sich laut Lehrgangsleiterin Gabriele Wehlend nur vier Männer. Der Großteil der Angemeldeten studiere selbst auf der Pädagogischen Hochschule, nur etwa ein Drittel komme von der Uni Wien. Der Grund liegt für Wehlend nicht nur darin, dass der Lehrgang auf der Homepage beworben wurde, sondern auch weil sich die Studierenden hier eben eher für Nachhilfe und pädagogische Zusatzausbildungen interessieren.

Wie viel die Umsetzung des Projekts das Wissenschaftsministerium gekostet hat, will die Sprecherin des Ministers nicht sagen: "Das haben Beamte in ihrer normalen Arbeitszeit erledigt. Manche Projekte werden umgesetzt, manche nicht. So ist das halt."

Die AbsolventInnen werden über eine Plattform an Schulen vermittelt, die am Mentoring-Projekt teilnehmen wollen. 60 Betreuungsstunden müssen die MentorInnen mit jeweils einem Mentee im Alter von 10 bis 14 Jahren absolvieren, um ihren Studienbeitrag in der Höhe von 363,36 Euro zurückzubekommen. Das entspricht einem Stundenlohn von knapp sechs Euro. Dass die SPÖ noch eine Mehrheit im Parlament für die Abschaffung der Studiengebühren findet, bezweifelt man im Büro Hahn. Sollten die Studiengebühren jedoch schon im Herbst Geschichte sein, "wird das Projekt eingestampft." (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 27. August 2008)

  • Nachhilfe für sechs Euro pro Stunde: Für dieses Modell ließ sich kaum ein Studierender hinreißen.
    foto: ifl/gellner

    Nachhilfe für sechs Euro pro Stunde: Für dieses Modell ließ sich kaum ein Studierender hinreißen.

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