"Denkmal für Saakaschwili"

26. August 2008, 21:26
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Debatte über Europas Bild von Russland in Alpbach

Alpbach - Als Susanne Scholl den georgischen Präsidenten einen "Wahnsinnigen" nennt, der eingeliefert gehöre, greift Herr Kyrle langsam zu seinem Wasserglas und nimmt einen tiefen Schluck. Die Ohren der Diplomaten sind empfindlich. Als kurz zuvor Wladimir Tschischow, Russlands Botschafter bei der EU, vom "primitiven Freund-Feind-Denken" spricht, das in Europa gegenüber Russland herrsche, und dem "Massenschlachten" der Georgier in Südossetien, dem die russische Armee Einhalt geboten habe, fasste sich Johannes Kyrle ein Herz, nannte die Ausführungen des russischen Botschafters "interessant" und legte gar seine Hand auf den Arm des Nachbarn. So geht das in Alpbach, wo man sich kleine und größere Ungeheuerlichkeiten sagt, und Johannes Kyrle, der Generalsekretär des österreichischen Außenministeriums, sich tapfer durch den Abend moderiert.

"Die Wahrnehmung Russlands in Europa" lautete das Thema, Teil der politischen Gespräche beim Europäischen Forum Alpbach in diesem Jahr und natürlich fast ausschließlich beherrscht von der Krise im Kaukasus. Susanne Scholl, die langjährige ORF-Korrespondentin in Moskaus, war es übrigens auch, die anders als die Mehrheit internationaler Russlandkenner, bei der Debatte in Alpbach die Anerkennung der Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien durch Dmitri Medwedew vorhersagte: "Ich sehe keinen Grund, warum der russische Präsident jetzt nicht die Unabhängigkeitserklärungen unterschreiben sollte." Russland werde Garnisonen in den beiden Provinzen aufbauen - "und irgendwann müsste in Moskau einmal ein Denkmal für Michail Saakaschwili stehen", meinte die Journalistin ironisch, als Anerkennung für den Dienst, den Georgiens Präsident Russland erwiesen hat.

Dass das Bild von Russland in Europa und umgekehrt traditionell immer schon in der Verneinung des anderen definiert wurde - "Russland ist alles, was Europa nicht ist; Europa ist alles, was Russland nicht ist" -, hob der Innsbrucker Politologe Gerhard Mangott hervor. Fraser Cameron vom European Policy Center in Brüssel, rief deshalb zu einem realistischen Umgang mit Moskau auf. Die Rhetorik über die "gemeinsamen Werte" zwischen Russland und der EU habe die Brüsseler Kommission mittlerweile aufgegeben. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2008)

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