"Nüchterne Prüfung statt Hetzjagd"

26. August 2008, 20:13
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Christoph Kratky, Präsident des FWF, im STANDARD-Interview über die Aufgaben der geplanten Agentur für wissenschaftliche Integrität

STANDARD: Ab Oktober soll es in Österreich eine Agentur für wissenschaftliche Integrität geben, die sich mit wissenschaftlichem Fehlverhalten beschäftigt. Wer steht dahinter?

Kratky: Der FWF und die Österreichische Akademie der Wissenschaften sind fix dabei. Auch einige Universitäten werden sich beteiligen - sicher nicht alle von Anfang an, aber möglichst viele. Damit wird die Agentur einen guten Start haben. Die Verhandlungen dauerten zwei Jahre, weil die Unis zunächst skeptisch waren, weil sie die Möglichkeit eines Eingriffs in ihre Autonomie gesehen haben. Bisher wurden von den Universitäten Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten im Rahmen eigener Ombudsstellen behandelt. Es hat sich aber gezeigt, dass nicht alle Unis solche Stellen eingerichtet haben. Es entstand ein heterogenes Bild. Es hat sich auch gezeigt, dass dort, wo es Ombudsstellen gibt, sehr unterschiedlich vorgegangen wurde. Überdies ist eine Stelle der Universitäten immer mit der möglichen Zuschreibung einer Befangenheit konfrontiert.

STANDARD: Das neue Kontrollorgan hat mehr Distanz?

Kratky: Das ist eine Voraussetzung. Die Mitglieder der Agentur werden hoch qualifizierte Wissenschafter und Wissenschafterinnen aus dem Ausland sein, die aber Deutsch sprechen müssen. Träger wird ein Verein sein, der vom FWF, von der Akademie und von den Unis gegründet wird. Diese Vereinsmitglieder zahlen auch ein.

STANDARD: Warum engagiert sich der FWF für dieses Gremium?

Kratky: Wir können als Fördergeber natürlich auch betroffen sein, wenn im Zusammenhang mit einem Antrag der Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens auftaucht. Oder wenn wir aufgrund dessen Fördergelder zurückverlangen müssen. Die nach solchen Fällen oft entstehende Medienhetze gegen Wissenschafter war der Anlass, uns für ein unabhängiges Gremium zu engagieren, das diese Problematik sachlich diskutiert. Es kann aber nicht wie ein Gericht agieren, es kann nur Empfehlungen aussprechen.

STANDARD: Wer darf das Gremium anrufen?

Kratky: Alle Vereinsmitglieder. Nun hat aber Wissenschaftsminister Johannes Hahn gemeint, die Agentur sollte auch von sich aus recherchieren können. Ich habe damit kein Problem. Natürlich muss das erst im Rahmen der Gespräche mit der Akademie und den Unis konkretisiert werden. Die Diskussion zeigt, dass man die Möglichkeiten und Rechte des Gremiums in einem Regelwerk festhalten muss, welches von allen Beteiligten akzeptiert ist. Ich bin froh, dass es im Oktober losgeht. Jüngste Fälle haben gezeigt, dass eine nationale Agentur für Österreich fehlt. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2008)

  • Zur PersonChristoph Kratky (61) ist Professor für Physikalische Chemie an der Universität Graz und seit 2005 Präsident des Wissenschaftsfonds FWF.
    foto: der standard/newald

    Zur Person
    Christoph Kratky (61) ist Professor für Physikalische Chemie an der Universität Graz und seit 2005 Präsident des Wissenschaftsfonds FWF.

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