"Irgendwann gibt's dann Sozialtarife für Farbfernseher"

26. August 2008, 18:44
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Am Ende bleiben nur höhere Schulden, meint der deutsche Ökonom Michael Hüther im STANDARD-Gespräch

Mit dem Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln sprach Andreas Schnauder über die österreichischen und europäischen Pläne zur Inflationsbekämpfung.

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STANDARD: Seit dem deutlich rückläufigen zweiten Quartal ist die Eurozone voll vom konjunkturellen Abschwung erfasst worden. Wie tief werden wir sinken?

Hüther: Was wir bisher erkennen können ist eine zyklische Bewegung, eine normale Anpassung, weil jedem Aufschwung irgendwann die Luft ausgeht. Der hat ja bereits im zweiten Halbjahr 2003 begonnen und hat somit lange gedauert und war sehr kräftig. Und: Europa läuft wieder im Gleichtakt, Deutschland hinkt nicht mehr hinterher. Die Frage ist, ob es zu einer rezessiven Anpassung kommen wird, oder zu einem soft Landing. Ich tendiere zu dem zweiten Bild einer sanften Landung.

STANDARD: Woher der Optimismus?

Hüther: Die Schocks der Weltwirtschaft sind keine symmetrischen. Die Wirtschaft geht immer dann runter, wenn die Schocks alle Volkswirtschaften erfassen, wie damals beim Platzen der New Economy Blase. Wir haben jetzt ein Problem der Kreditmärkte, aber das trifft schwerpunktmäßig den US-Finanzsektor. Deshalb teile ich das Gerede von der Apokalypse nicht.
In Deutschland und Europa erkennen wir keine Kreditklemme, das heißt, die Kreditvergabe findet weiterhin statt. Die Unternehmenskredite sprudeln sogar, was darauf hindeutet, dass die Investitionsbereitschaft nach wie vor hoch ist. Und auch in den USA ist nach wie vor keine Schrumpfung zu registrieren. Bei den Häuserpreisen sehen wir die Bodenbildung, ein Indikator für das Auslaufen der Krise.

STANDARD: Wie lange wird die Flaute anhalten?

Hüther: 2009 wird sicher ein schwaches und enttäuschendes Jahr. In der Eurozone rechne ich nur mit einem Wachstum von ein bis 1,5 Prozent.

STANDARD: Ist eine Rezession im Sinne zweier negativer Quartale hintereinander in Europa denkbar?

Hüther: Denkbar schon. In Deutschland war das zweite Quartal wegen der schwachen Bauwirtschaft negativ, aber das erste war sehr stark. Das dritte Quartal wird stagnierend sein. Wir stehen also an der Ecke zur Rezession.

STANDARD: Was halten Sie von der Stimulierung der Nachfrage, wie sie nun mehrere Länder vorexerzieren?

Hüther: Ausgabenprogramme halte ich nicht für angemessen. Hinter dem weltweiten Phänomen steht ja ein Angebotsproblem - das sind die Rohstoffpreise. Darauf kann man keine nachfragepolitischen Antworten geben.

STANDARD: Kann beispielsweise eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel - wie sie in Österreich vorgeschlagen wurde - die Situation verbessern?

Hüther: Nein. Die Inflation ist nicht hausgemacht, sondern importiert. Wenn wir sozial schwachen Haushalten helfen wollen, muss das über die Grundsicherung erfolgen. Irgendwann hab ich dann Sozialtarife bei Brötchen und bei Farbfernsehern. Das macht alles keinen Sinn. Der Staat läuft dann immer hinterher.

STANDARD: Gilt das auch für die USA, wo Steuerrabatte die Konjunktur anheizen sollen?

Hüther: Von den Steuerschecks ist nicht allzu viel im Konsum gelandet. Wir haben eine Erhöhung des Defizits um 80 Milliarden Dollar und eine Erhöhung des privaten Verbrauchs um 20 Milliarden Dollar. Da ist viel in die Ersparnisse geflossen. Das sind alles keine Zaubermittel und man hat auch nicht allzu viele Schüsse frei. Am Ende steht eine Erhöhung der Staatsschuld aber kein nachhaltiger Effekt.

STANDARD: Wie lautet Ihre Prognose für die weitere Rohstoffpreisentwicklung?

Hüther: Mittel- und langfristig bleiben die Niveaus hoch. Wir sollten uns wegen der Entspannung der letzten Wochen nicht reich rechnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2008)

Zur Person

Michael Hüther (46) ist seit 2004 Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Zuvor war er fünf Jahre lang Chefvolkswirt der Deka Bank

  • Michael Hüther: "Wenn wir sozial schwachen Haushalten helfen wollen, muss das über die Grundsicherung erfolgen."
    foto: iw köln

    Michael Hüther: "Wenn wir sozial schwachen Haushalten helfen wollen, muss das über die Grundsicherung erfolgen."

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