"Dopingtests sind Volksver­dummung"

26. August 2008, 18:46
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Vernichtendes Urteil des Doping-Experten Franke: "Kontrollen hätten vier bis zehn Wochen vor Olympia gemacht werden müssen"

Berlin - Der deutsche Doping-Experte Werner Franke hat ein vernichtendes Urteil über die Tests bei den 29. Olympischen Sommerspielen in Peking gefällt. Angesichts von nur zehn positiven Proben bei insgesamt 4500 gezogenen Dopingproben sprach er von der "größten weltweiten Volksverdummung und Völkerverdummungsaktion, die man im Sport bisher gesehen hat". Franke erinnerte in dem Zusammenhang daran, dass direkt bei Olympia in der Vergangenheit immer nur wenige Dopingkontrollen positiv gewesen seien. Das hänge damit zusammen, dass Kontrollen während der Wettkämpfe falsch seien. Wer zu den Olympischen Spielen fahre und positiv sei, könne "doch nur ein Volltrottel" sein. "Jeder weiß doch, dass nur Besoffene und Doofe da anreisen mit positiven Befunden."

"Die Kontrollen hätten im Zeitraum von vier bis zehn Wochen vorher gemacht werden müssen", monierte Franke. Doch das sei nach Meinung des Molekularbiologen kaum möglich. So habe kein Kontrolleur der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) unangemeldet nach China einreisen können.

Doppelbödigkeit

Doppelolympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth, die 1972 in München und 1984 in Los Angeles Gold im Hochsprung gewann: "Es ist an der Zeit, die Doppelbödigkeit der meisten Funktionäre, die sich bis nach oben in die Weltdachverbände zieht, zu überdenken und abzuschaffen. Denn durch die Doppelzüngigkeit wird verhindert, dass durch die Dachverbände in allen Ländern eine standardisierte Kontrolle eingeführt wird." Sportereignisse ohne Doping hält sie für einen unrealistischen Traum: "Das wird noch lange Wunschdenken bleiben, wenn die Wada keine Macht hat, das durchzuziehen.

Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer, ebenfalls Deutscher: "Es würde mich nicht wundern, sollten im Nachhinein noch unerlaubte Mittel entdeckt werden." Das IOC will alle genommenen Proben bis zu acht Jahre lang einfrieren und später mit modernen Methoden nochmals testen. Das Einfrieren ist eine Lehre aus den Spielen 2000 in Sydney. Nach späten Geständnissen musste Marion Jones (dreimal Gold, zweimal Bronze), mussten 400-m-Läufer Antonio Pettigrew und seine US-Kollegen die gewonnenen Medaillen wieder zurückgeben. (DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 27. August 2008, sid, APA, red)

 

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