Ted Kennedy: "Das ist die Übergabe der Fackel"

26. August 2008, 18:43
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Rührung und Reminiszenzen als Wahlkampfmittel

Unsicherer Gang, schlohweißes Haar, von der Krankheit mitgenommen. So betrat der alte Mann die blauschimmernde Bühne im Pepsi-Center. Dann knipste er sein Kennedy-Lächeln an und die Convention lag ihm zu Füßen: "Ken-ne-dy! Ken-ne-dy! Ken-ne-dy!", brüllten tausende Delegierte außer sich. Elektrisiert schwenkten sie Kennedy-Wahlplakate, die Helfer zuvor vorsorglich ausgegeben hatten. Ganz so, als stünde ein Kennedy zur Wahl und nicht Barack Obama. Und so ist es gewissermaßen auch.

Der Auftritt des krebskranken Senators Edward "Ted" Kennedy war der stärkste Moment am Beginn des demokratischen Parteitages. Der alte Herr, der an einem bösartigen Gehirntumor leidet, hatte es sich nicht nehmen lassen, in Denver zu erscheinen. Es sollte nicht nur bei den Bildern von ihm und seinen Brüdern John F. und Robert bleiben, die die Parteitagsregie unterlegt mit ergreifender Musik einspielte. Der 76-jährige war als leibhaftiger Kronzeuge für jene Reminiszenzen gekommen, die Obamas Strategen so gerne anklingen lassen, um den jungen Emporkömmling aus Chicago in eine große Tradition zu stellen.

"Das ist die Übergabe der Fackel", rief Ted Kennedy also mit zittriger Stimme. Barack Obama sei ein großer Kandidat, mit ihm werde endlich jeder Amerikaner eine anständige Krankenversicherung - Kennedy hat in seinen Jahrzehnten im US-Senat stets dafür gekämpft - bekommen. "Im November beginnt die Arbeit neu, die Hoffnung steht wieder auf und der Traum lebt weiter." Vielen der Delegierten, ob sie nun für Obama oder Hillary Clinton nach Colorado gekommen waren, standen die Tränen in den Augen. Für einen neuen Kennedy würden sie alles geben.

Der zweite historische Verweis in der Kampagne Obamas hat mit einem Datum zu tun. Am Donnerstag, wenn der Senator seine Nominierung im American Football-Stadium von Denver annimmt, wird es genau 45 Jahre her sein, dass Martin Luther King seine berühmte "I have a Dream"-Rede gehalten hat. Damals, am 28. August 1963, sprach King vor 250.000 Demonstranten in Washington von seinem Traum, dass es in Amerika einst Gleichberechtigung und Brüderlichkeit unter den Menschen aller Rassen geben könne.

Nun tritt Barack Obama als erster afroamerikanischer Präsidentschaftskandidat mit Siegchancen vor 75.000 Menschen auf, um seine Vision zu beschreiben - begleitet von hyperventilierenden amerikanischen Nachrichtensendern, die beinahe jede einzelne Sekunde aus anderen Perspektiven berichten und analysieren.

Die Delegierten erwarten Barack Obamas Ansprache gespannt. Sie wissen, dass nicht zuletzt der Wahlsieg an diesem einen Auftritt hängt. "Hoffentlich", sagt einer, "hat er sich die Latte da nicht zu hoch gehängt." (Christoph Prantner aus Denver/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2008)

 

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    Großer Auftritt: Edward Kennedy in Denver

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