"Reaktionär? Das ist nicht wahr!"

26. August 2008, 17:49
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Rekordauslastung, Ein­nahmen weit über den Er­wartungen, Ärger mit dem Anti­korruptions­gesetz: Helga Rabl-Stadler, die Präsidentin der Salzburger Festspiele, im Interview

Standard: Die Salzburger Festspiele enden am Wochenende. Bis auf "Herzog Blaubarts Burg" waren alle Opernvorstellungen ausverkauft, auch die wiederaufgenommene "Zauberflöte" . Ich nehme an, Sie haben erneut Grund zum Jubeln?

Rabl-Stadler: Ja. Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Wir haben mit zirka 93 Prozent eine Rekordauslastung, die Karteneinnahmen liegen rund eine Million Euro über dem Soll. Leider gab es eine Budgetüberschreitung bei Verbrechen und Strafe von mehr als 300.000 Euro, weil Zürich als Koproduktionspartner ausgefallen ist und weil Dimitré Dinev ausbezahlt werden musste, dessen Dramatisierung nicht zur Auffassung von Regisseurin Andrea Breth passte.

Standard: Ihr Highlight?

Rabl-Stadler: Ich war dreimal in Rusalka! So müssen Festspiele sein: ein Werk, das man nicht überall hört, bis in die kleinste Nebenrolle toll besetzt und eine interessante Regie - auch wenn ich auf die sich manikürenden Nymphen verzichten hätte können.

Standard: Die Szenen im Puff also.

Rabl-Stadler: Das habe ich als Dame nicht zu sagen gewagt.

Standard: Was für den einen oder anderen Scheich ein Problem war.

Rabl-Stadler: Nein, ich war in einer Vorstellung, die auch Scheichs besuchten. Nur deren Kinder waren nicht dabei.

Standard: "Rusalka" fand im Haus für Mozart statt. Da das Parkett in der Mitte fast nicht ansteigt, ist die Sicht miserabel. Eine Zumutung. Schließlich kostet eine Karte 290 Euro. Auf den 150-Euro-Plätzen sieht man bedeutend besser!

Rabl-Stadler: Das Haus bewährt sich, aber das ist ein echter Fehler, den die Architekten zunächst nicht einsehen wollten. Wenn ich dort sitze, ducke ich mich ganz bewusst: Damit die Leute hinter mir halbwegs gut sehen. Dieses Manko soll im Herbst beseitigt werden.

Standard: Das Programm bot jedem etwas, schien manchem gar beliebig. Was erwartet uns 2009?

Rabl-Stadler: Das Programm wird nicht so einfach sein wie das diesjährige. Wir beginnen etwa mit der Händel-Oper Theodora.

Standard: "Strafe und Verbrechen" und Haydns "Armida" werden laut Intendant Flimm wiederaufgenommen. Ich nehme an, auch der Kostümschinken "Roméo et Juliette" ?

Rabl-Stadler: Ja. Weil wir die Inszenierung für die Felsenreitschule gut finden. Auch das ist Salzburg! Die Geschichte wurde perfekt erzählt. Dass die Inszenierung reaktionär sei: Das ist nicht wahr!

Standard: Der einzige Aufreger heuer war das Antikorruptionsgesetz. Aber ist es nicht sonderbar, wenn eine Zeitung den Direktor eines Bundesmuseums samt Lebensgefährtin nach Salzburg einlädt - in der Hoffnung auf Inserate?

Rabl-Stadler: Dazu äußere ich mich nicht. Generell: Ich finde es bedenklich, dass die Staatsanwaltschaft das Recht hat, die Gästeliste zu kontrollieren. Durch dieses Gesetz ist die Grundidee der Festspiele - Salzburg als Plattform der Begegnung - gefährdet. Das Mitleid ist natürlich enden wollend. Die Menschen sagen: "Die sollen sich die Karten selbst kaufen!" Ich sehe daher keine Chancen, das Gesetz wegzubekommen. Aber ich hoffe auf die Klarstellung, dass es nicht um eine Kriminalisierung der Gastfreundschaft geht. Wir hatten bereits in diesem Jahr massive Kartenrückgaben von den Sponsoren.

Standard: Was den Opernfan freute. Denn viele Vorstellungen waren hoffnungslos überbucht - auch deshalb, weil die Sponsoren vorab Tausende Karten kaufen durften.

Rabl-Stadler: Das stimmt. Wir konnten die Karten verkaufen, weil das Programm so zugkräftig war. Aber die Sponsoren wollen nicht nur mit den Logos präsent sein, sondern sich schon auch über ihre Einladungen präsentieren.

Standard: Sie befürchten daher, dass der eine oder andere Hauptsponsor abspringen wird?

Rabl-Stadler: Erst vor wenigen Tagen hat Nestlé seinen Vertrag verlängert. Aber die Gefahr ist groß. Uniqa ist sehr verärgert über das Gesetz: Man wartet zu, wie sich die Sache entwickelt. Ich glaube, dass dieses Gesetz allen Kulturveranstaltern schadet - und auch dem Opernball: Ich kann mir nicht vorstellen, dass gegenwärtig jemand eine Opernballeinladung aussprechen oder annehmen kann.

Standard: Am 6. August gab es eine Kuratoriumssitzung. Wurde nun das Budget 2009 inklusive der erhofften Subventionserhöhung von drei Prozent beschlossen?

Rabl-Stadler: Ja, wir werden die Erhöhung - die erste seit 1997! - bekommen. Ich bezeichne diese bewusst nicht als Valorisierung, denn eine solche wäre ein Wettmachen der Geldentwertung - und das ist sie nicht. Sie haben erst vor kurzem im Standard geschrieben, wie schlecht es den Künstlern geht: Das ist ja schaurig! Aber auch wir müssen kämpfen: Wir bekommen 390.000 Euro mehr - und wir haben 190 Mitarbeiter. Keiner wird mit einer Gehaltserhöhung von nur drei Prozent zufrieden sein.

Standard: Wurde in der Sitzung auch diskutiert, ob der Vertrag von Flimm verlängert werden soll?

Rabl-Stadler: Nein. Die Nachfolge Flimms - sei es durch ihn selbst oder durch jemanden anderen - muss laut Vertrag spätestens im September 2009 geregelt sein. Das ist sehr spät, weil immer früher vorausgeplant werden muss. 2013 steht ein Verdi-Wagner-Jahr an: Die Verträge mit den Tenören müssten bereits jetzt abgeschlossen werden. Aber ich bin Pragmatikerin: Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Entscheidung noch in diesem Herbst fällt.

Standard: Sie engagieren sich ja nun im Wahlkampf: Sie nehmen am 1. September an einer Veranstaltung von ÖVP-Spitzenkandidat Wilhelm Molterer teil, bei der sich dieser erstmals über Kulturfinanzierung äußern wird.

Rabl-Stadler: Das ist doch nicht Wahlkampf, wenn ich über Kultur rede! Ich wurde gefragt, ob ich einem Personenkomitee beitrete, das habe ich trotz meiner hohen Wertschätzung für Molterer nicht getan. Als Festspielpräsidentin muss ich mit jeder Partei können. Aber wenn mich der Finanzminister fragt, ob ich an einer Diskussion über Kulturfinanzierung teilnehme, dann mach ich das. Dasselbe täte ich für die Kulturministerin.

Standard: Molterer würde als Bundeskanzler die Kulturagenda übernehmen wollen. Eine Drohung?
Rabl-Stadler: Warum denn? Wenn der Finanzminister das Kulturressort übernimmt, kann das nur ein Vorteil für die Kunst sein.

(Thomas Trenkler, DER STANDARD, 27.08.2008)

Zur Person
Helga Rabl-Stadler, 1948 in Salzburg geboren, war Journalistin, ÖVP-Politikerin und Chefin der Salzburger Wirtschaftskammer. Seit 1995 ist sie Präsidentin der Salzburger Festspiele

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    Helga Rabl-Stadler über die Folgen des Antikorruptionsgesetzes: "Wir hatten massive Kartenrückgaben von den Sponsoren."

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