Kein "Punks rein, Bankbeamten heraus"

26. August 2008, 18:43
53 Postings

Zwischen den Pankahyttnbewohnern und den Sozialarbeitern des Fonds Soziales Wien kriselt es - Warum das Projekt trotzdem ein Erfolg ist

Am ersten Dezember vergangenen Jahres bezog ein Team von Sozialarbeitern einen Container vor dem dreistöckigen Altbau Johnstraße 45. Ihre Aufgabe: die ortsansässigen Punks der Pankahyttn zu betreuen. Doch die halten davon wenig. Vielmehr fühlen sie sich beobachtet und werfen dem Hausbetreiber Fonds Soziales Wien vor, „sinnlos Kohle fürs Computerspielen und Nasebohren" zu verschwenden. Am zehnten Juli übersiedelten die Sozialarbeiter ins Erdgeschoss der Pankahyttn und wurden mit Graffitis wie „Fuck you", „Keine Bewachung" und „SozialarbeiterInnen nicht willkommen" begrüßt. Projektleiter Heimo Rampetsreiter (47) erklärt, warum seine Anwesenheit dennoch gerechtfertigt ist und wie es um das Projekt Pankahyttn steht.

***

derStandard.at: Von Seiten des Hausbetreibers Fonds Soziales Wien (FSW) heißt es, die Pankahyttn sei „ein Wohnprojekt für obdachlose junge Erwachsene und sozial Verwahrloste". Nach Aussagen der Punks haben aber nur einige von ihnen auf der Straße gelebt, andere in Wohngemeinschaften oder eigenen Wohnungen.

Heimo Rampetsreiter: Das stimmt so nicht ganz. Der Großteil lebte zuvor in prekären Wohnverhältnissen. Die meisten waren vor ihrem Einzug obdachlos, andere haben in besetzten Häusern geschlafen oder sind bei Freunden untergekommen. Wohnprobleme hatten aber eigentlich alle, denn die Frage der Leistbarkeit war bei keinem geklärt.

derStandard.at: Handelt es sich nun um eine Pankahyttn oder um „betreutes Wohnen"?

Rampetsreiter: Die Punks haben ein autonomes Zentrum gefordert. Für die Stadt Wien hingegen stand mit der Zusage für ein Haus von Anfang an fest, dass es betreutes Wohnen ist und das wurde auch kommuniziert. Dass diese zwei unterschiedlichen Sichtweisen aufeinanderprallen ist klar. Auch wenn es die Punks nicht so sehen: die meisten brauchen Betreuung. Sei es nun bei Bewerbungen, Schulden, Strafen oder bei der Jobsuche.

derStandard.at: Die Punks beklagen mangelnde Unterstützung bei der Renovierung. Sie hätten nur drei Großpackungen Klopapier sowie zwei Verlängerungskabel zum Einzug, im ersten Monat einen Putzwagen, im zweiten Monat einige Besen und einige Liter Putzmittel bekommen. Wo sind die zugesagten Mittel?

Rampetsreiter: Das sehe ich ein bisschen differenzierter: Das Haus war baufällig und es gab anfangs andere Prioritäten: Warmwasser, Heizung und sichere Stromversorgung. Wenn man im eigenen Wohnbereich etwas verändern möchte, muss man das selbst finanzieren. Unterstützung für die Grundsanierung haben wir angeboten und machen wir nach wie vor. Es geht um betreutes wohnen und nicht darum, alle möglichen alternativen Lebensarten mit Steuergeldern zu finanzieren.

Ich habe von Anfang an klar gemacht, dass es Ausschreibungsverfahren gibt und dass das eben eine Zeit lang dauert, ehe es einen Zuschlag gibt. Einige Materialen habe ich geliefert, aber sie wurden nicht genutzt. Wahrscheinlich war es einigen zu spät. Aber ich habe den Punks gesagt, sie sollen die Rechnungen aufheben, mir zeigen wo die gekauften Materialen im Haus eingesetzt wurden, dann bekommen sie das Geld zurück. Das ist bis jetzt nicht geschehen.

derStandard.at: Auf der Website finden die Punks sehr deutliche Worte, was Ihren Umzug vom Container vor dem Haus in die Pankahyttn betrifft. Es würde „sinnlos Kohle fürs Computerspielen und Nasebohren" vergeudet. Immerhin lässt sich die Stadt Wien die Betreuung 400.000 Euro im Jahr kosten. Was tun Sie den ganzen Tag?

Rampetsreiter: Wir versehen hier keine 24-Stunden-Dienste weil uns die Punks rund um die Uhr brauchen, es geht vielmehr auch darum Ansprechpartner für die Anrainer zu sein. Natürlich ist es oft so, dass man einige Stunden nichts zu tun hat, aber solche Lücken sind Teil eines Bereitschaftsdienstes. Auch Polizisten sind beispielsweise auf Streife ohne dass etwas passiert. Unsere Aufgabe ist es präsent zu sein. Es war eine politische Entscheidung, dieses Service für die Anrainer zu bieten. Selbst wenn es für uns manchmal belastend ist, wenn wir nichts zu tun haben.

Dass die Punks das auf ihrer Website so kommunizieren ist eben ihre Art der politischen Arbeit. Es wird immer kritisiert, dass die Jugend so unpolitisch sei. Hier haben wir eine Gruppe, die es nicht ist.

derStandard.at: Wie ist das Verhältnis zu den Anrainern?

Rampetsreiter: Anfangs kamen fast täglich Beschwerden wegen des Lärms, jetzt gibt es kaum noch welche. Indem die Punks jetzt die Eisdiele als Gemeinschaftsraum nutzen, haben sie ihre Bereitschaft gezeigt den Nachbarn entgegenzukommen. Und Lärm gibt es schließlich in jedem Haus.

Wir veranstalten von Beginn an regelmäßig „Runde Tische". Etwa 110 Anrainer sind geladen, zwischen zehn und 16 kommen meistens und fünf oder sechs haben einfach grundsätzlich immer ein Problem. Manches ist gerechtfertigt, manches aber auch völlig überzogen.

derStandard.at: Im Oktober werden die Ergebnisse der Projektevaluierung bekannt gegeben. Ist die Pankahyttn aus Ihrer Sicht ein Erfolg?

Rampetsreiter: Es funktioniert natürlich nicht so, wie sich das manche vorstellen: dass die Leute als Punks rein und als Bankbeamten wieder herauskommen. Uns geht es darum die individuelle Situation der Punks zu verbessern, sowohl was ihre gesundheitliche als auch ihre finanzielle Lage betrifft, generell Perspektiven zu entwickeln.

derStandard.at: Sollen die Punks hier nicht dauerhaft wohnen können?

Rampetsreiter: Das ist nur für manche der Weg. Für andere ist es eher eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer Gemeindewohnung. Es hat bisher schon einige Wechsel gegeben und wie gesagt: die Gruppe entscheidet eigenständig, wer im Haus wohnen darf. Es würde nicht funktionieren, hier Leute zwangsweise anzusiedeln.

derStandard.at: Was wäre, wenn man nach der Evaluierung zu dem Schluss käme, dass das Projekt ein Misserfolg ist?

Rampetsreiter: Wenn es sich aus Sicht der Betreiber und der politisch Verantwortlichen als desaströs herausstellen sollte, könnte es sein, dass das Projekt beendet wird. Als Projektleiter bin ich aber parteiisch und hoffe auf eine Existenzsicherung für die Gruppe. Grundsätzlich glaube ich, dass es sich gut entwickelt. Die Punks sind schon einige Kompromisse eingegangen. Das sehen viele nicht. Aber es ist sehr wechselhaft: es gibt gute und schlechte Phasen. (26.8.2008, derStandard.at, Birgit Wittstock)

  • Projektleiter Heimo Rampetsreiter: "Es wird immer kritisiert, dass die Jugend so unpolitisch sei. Hier haben wir eine Gruppe, die es nicht ist."
    standard/wittstock

    Projektleiter Heimo Rampetsreiter: "Es wird immer kritisiert, dass die Jugend so unpolitisch sei. Hier haben wir eine Gruppe, die es nicht ist."

  • Willkommen in der Pankahyttn.
    standard/wittstock

    Willkommen in der Pankahyttn.

  • Artikelbild
    standard/wittstock
Share if you care.